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25. September 2026Zwei Vereine, ein Jubiläum, zwei Jahre. Die afrodeutsche Bewegung feiert gerade vierzig Jahre, und zwar 2025 und 2026, weil ihre beiden ältesten Organisationen nicht im selben Jahr entstanden sind. Die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland schreibt auf ihrer eigenen Seite „Seit 1985“. Adefra wurde 1986 gegründet.
Das ist die einfache Hälfte. Die unangenehmere ist, dass ausgerechnet eine Bewegung, die angetreten war, Schwarze deutsche Geschichte selbst aufzuschreiben, ihre eigene Gründung ziemlich dünn dokumentiert hat.
Ein Buch, ein Treffen, ein Name
Audre Lorde, die karibisch-amerikanische Dichterin und Theoretikerin, war ab Mitte der Achtziger immer wieder in West-Berlin. Die Berliner Staatlichen Museen datieren die politische Selbstbezeichnung afro-deutsch auf ihre Arbeit mit einem Kreis Schwarzer Aktivistinnen dort. Adefra selbst beschreibt es genauso. Lorde habe die schon bestehenden Kontakte zwischen Schwarzen Frauen in Berlin zusammengeführt, und daraus sei der Anstoß zur Gründung entstanden. Martin Höfig nennt ihren Einfluss auf die Entstehung der ISD in seinem Beitrag zum Jubiläum im November 2025 groß.
1986 gründete dieser Kreis Adefra. Der Name trägt eine amharische Bedeutung, die der Verein mit „die Frau, die Mut zeigt“ wiedergibt. Im selben Jahr veröffentlichten May Ayim, Katharina Oguntoye und Dagmar Schultz „Farbe bekennen“, aufgebaut unter anderem auf Ayims eigener Diplomarbeit und auf Familiengeschichten über mehrere Generationen afrodeutscher und Schwarzer Frauen. Es war das erste Buch, in dem Schwarze deutsche Frauen sich selbst in die Geschichte stellten, statt dort hineingestellt zu werden.
Die ISD kam aus einem anderen Raum. Ein bundesweites Treffen Schwarzer Deutscher in Wiesbaden 1985 brachte eine feste Organisation hervor, die heute Initiative Schwarze Menschen in Deutschland heißt. Ein Rundbrief an die Teilnehmenden hielt danach fest, was das Treffen bewirkt hatte. Die eigene Erfahrung in Worte zu fassen, schrieb eine Teilnehmerin, habe bei fast allen etwas in Bewegung gesetzt.
Wogegen sie sich organisiert haben
Beide Gruppen zielten auf dasselbe. Nicht nur auf den Rassismus, den Schwarze Menschen in Deutschland täglich erlebten, sondern auf die Weigerung der westdeutschen Öffentlichkeit, überhaupt einzuräumen, dass es eine Schwarze deutsche Geschichte gibt, oder dass das Land für das, was unter Kolonialherrschaft und im Nationalsozialismus geschah, etwas zu verantworten hätte.
Diese Weigerung stand auf der Annahme, Schwarze Menschen in Deutschland seien eine neue Erscheinung. Die Familie der ISD-Mitgründerin Abenaa Adomako ist der direkte Gegenbeweis. Ihr Urgroßvater kam 1891 aus Kamerun nach Deutschland, seither lebt die Familie hier in der fünften Generation. Die meisten, die ISD und Adefra aufgebaut haben, hatten nichts dergleichen hinter sich. Viele waren bis weit ins Erwachsenenalter die einzige Schwarze Person in ihrer Umgebung, ohne Ältere und ohne gemeinsame Geschichte, nach der sie gerade suchten. Wie eng Herkunft und Zugehörigkeit daran hängen, wer über dich verfügt, ist genau der Punkt, an dem diese Bewegung ansetzte.
Gebaut am Küchentisch
Die frühe Arbeit fand in Privatwohnungen statt, nicht in Institutionen, und die spätere Forschung der Bewegung hat dieses Bild absichtlich behalten. Faheem Hemboum beschreibt es in der analyse und kritik im November 2025 als Denken am Küchentisch, geleistet von dem, was eine wissenschaftliche Arbeit Intellektuelle des Alltags nennt: Frauen, die eine politische Analyse aufbauten, ohne eine Universität im Rücken.
Das Bild trägt mehr, als es aussieht. An einem Küchentisch landet man, wenn keine Institution einen aufnimmt, und der Tisch entscheidet mit, wer als denkender Kopf gilt. Was diese Frauen erarbeiteten, erschien nicht in Fachzeitschriften. Es existierte jahrelang vor allem im Gespräch, in Rundbriefen und in Heften, die die Bewegung selbst druckte. Genau deshalb ist die Gründung heute schwer zu datieren, und genau deshalb kam sie überhaupt zustande.
Gewachsen ist das lokal und ungleichmäßig. Tahir Della, früher im Vorstand der ISD, hat eine Münchner Gruppe von 1987 beschrieben, die mit der afrikanischen Studierendenunion und anderen bundesweit organisierten afrikanischen Gruppen zusammenarbeitete. In Frankfurt fanden Aktive in den Neunzigern Anschluss an Young Black Souls, Jugendliche mit afrikanischen Eltern. Die Gründungsgeneration kam aus sehr verschiedenen Lagen innerhalb derselben Bewegung: manche aus Familien mit hundert Jahren deutscher Geschichte, andere waren zugewandert, studierten, waren geflüchtet oder als Vertragsarbeiterinnen gekommen, jede mit einem anderen Verhältnis zu Sprache, Klasse und der Freiheit, sich zwischen Ländern zu bewegen.
Was daran auffällt, ist die Reihenfolge. Zuerst kam die Sprache, dann das Buch, dann die Vereine, und erst danach die Zeitschriften und die Feste. Eine Bewegung, die sich erst einen Namen geben musste, bevor sie sich versammeln konnte, hat zwangsläufig einen unscharfen Anfang. Man kann schlecht datieren, wann genug Leute dasselbe Wort benutzten.
Ab 1988 trugen zwei Zeitschriften die Ideen weiter, Afrekete und afro look. Berlin hatte von 1990 bis 2001 jedes Jahr einen Black History Month, zurückgehend auf die Initiative des amerikanischen Historikers Carter G. Woodson. Ein Jugendprojekt namens Blite gab Schwarzen Jugendlichen einen Ort, um selbst über Schwarzes Leben zu recherchieren und zu schreiben.
Vierzig Jahre später
2025 übergaben ISD, Adefra und andere zivilgesellschaftliche Gruppen der Berliner Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson ein gesamtstädtisches Erinnerungskonzept zum Kolonialismus, Jahre an Recherche und Überzeugungsarbeit zusammengefasst in einem Papier. Was daraus wird, hängt an einer Kulturpolitik, deren Umgang mit der Rückgabe kolonialer Raubkunst an anderer Stelle gerade auf die Probe gestellt wird.
Nicht jeder Strang dieser Geschichte ging gut aus. Einige der frühen Aktiven haben ihr Leben am Ende außerhalb Deutschlands aufgebaut. Andere haben die Isolation nicht überlebt, gegen die die Bewegung angetreten war. Das Verhältnis Schwarzer Deutscher zu diesem Land bleibt für viele ungeklärt: für die einen fraglos Heimat, für die anderen eine biografische Fußnote.
Kritisch hinterfragt
Drei Dinge sitzen schief in einer Geschichte, die sonst gut erzählt ist.
Das Erste ist ein glatter Widerspruch in der Berichterstattung. Zwei deutsche Blätter haben dieses Jubiläum im November 2025 zwölf Tage auseinander gewürdigt, und sie datieren das Gründungsbuch der Bewegung verschieden. Hemboum setzt „Farbe bekennen“ auf 1986. Höfig nennt es im nd einen Sammelband von 1990. Beides kann nicht stimmen, und es ist mehr als ein Tippfehler, weil das Buch der Gegenstand ist, an dem die Selbstdokumentation dieser Bewegung hängt. Erschien es 1986, liegt es zwischen den beiden Gründungen und ist die Eröffnung. Erschien es 1990, ist es Rückschau. Auflösen würde das ein Blick ins Impressum der Erstausgabe. Keiner der beiden Beiträge bildet es ab.
Das Zweite dreht die Erwartung um. Die ISD nennt ihr Jahr, 1985, auf der eigenen Seite. Adefra nennt gar keins, nur Impulse Mitte der Achtziger. Das genaue Jahr 1986 kam von außen. Das Museum Europäischer Kulturen hat es festgeschrieben, indem es 2006 eine Ausstellung zu zwanzig Jahren Adefra zeigte. Die Organisation, die gegründet wurde, damit nicht andere über Schwarze deutsche Geschichte bestimmen, hat auf den eigenen Seiten also ein unschärferes Gründungsdatum als ein staatliches Museum geliefert hat. Das ist kein Skandal, das passiert, wenn die Arbeit Aktivismus ist und nicht Aktenführung. Es gehört trotzdem gesagt, weil der eigene Vorwurf ja lautete, das Archiv gehöre jemand anderem. Auflösen würde das der Registereintrag von Adefra oder das Protokoll des Wiesbadener Treffens für die ISD. Keine der Jubiläumsberichte, die ich gelesen habe, nennt eines von beidem.
Das Dritte ist die Reihenfolge. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung schreibt in einem Beitrag von Femi Awoniyi aus dem Jahr 2022, „Farbe bekennen“ habe die Gründung der ISD und anderer Schwarzer Gruppen angestoßen. Die ISD sagt „Seit 1985“, das Buch erschien 1986. Damit geht die Reihenfolge nicht auf. Ein Verein kann nicht als Antwort auf ein Buch entstehen, das es noch nicht gibt. Am wahrscheinlichsten ist, dass 1985 das Wiesbadener Treffen meint und nicht die Vereinsgründung. Dann passen alle drei Angaben zusammen, und es erklärt auch, warum das Jahr überhaupt zweimal kursiert. Gesagt wird das nirgends. Auflösen würde es eine Aussage der ISD, die Treffen und förmliche Gründung auseinanderhält, oder ihr Registereintrag.
Was offen bleibt
Vierzig Jahre sind lang genug, dass die Gründungsgeneration nicht mehr die Generation ist, die die Arbeit macht. Die Organisationen gibt es noch, und das hat in einem Land, das die Achtziger damit verbracht hat, die Existenz Schwarzer Deutscher zu bestreiten, kaum jemand vorhergesagt. Was nicht mitgewachsen ist, ist der Nachweis. Zwei Internetseiten, zwei Jubiläumsartikel, eine Museumsausstellung und der Text einer Stiftung, und keine zwei davon nennen dieselben Daten.
Mich beschäftigt daran, dass sich das war schon immer so und „das gab es hier noch nie“ so leicht abwechseln können, je nachdem, was gerade gebraucht wird. Kennst du eine Geschichte aus deiner eigenen Familie oder Gegend, die offiziell erst viel später anfängt, als sie tatsächlich angefangen hat? Erzähl sie mir.
Diesen Beitrag gibt es auch auf Englisch.
Quellen
- Faheem Hemboum, „Neuanfang am Küchentisch: Vor 40 Jahren entstanden mit ISD und Adefra zwei Vereine, die das Selbstbild mehrerer Generationen Schwarzer Menschen prägten“, analyse und kritik 720, 18. November 2025
- Martin Höfig, „ISD: Schwarze Selbstermächtigung“, nd-aktuell, 30. November 2025
- Museum Europäischer Kulturen, Staatliche Museen zu Berlin, Ausstellung „Generation Adefra: 20 Jahre Schwarze Frauenbewegung in Deutschland“, 23. September bis 22. Oktober 2006
- Adefra e.V., eigene Darstellung der Entstehung, adefra.com
- Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, eigene Darstellung, isdonline.de
- Femi Awoniyi, „How Black People in Europe Began to Organize“, Rosa-Luxemburg-Stiftung, 21. Juni 2022






