
Rückgabe Kulturgüter Kamerun: Die Lieferung, die nie losfuhr
11. September 2026Kann man einen Glauben erben, den jemand anderes mitgebracht hat?
Nimm dir 7 Minuten. Danach ist die Frage, welche Religion eigentlich „deine“ ist, unbequemer als vorher.
Ein Pastor gründet in Nigeria seine eigene Gemeinde, predigt jahrelang, baut sich einen Namen auf. Und dann teilt er öffentlich mit, dass er künftig als Ifa-Priester arbeitet, als Babalawo. Kein Skandal im Hintergrund, keine Rauswurfgeschichte, sondern eine Entscheidung, die er selbst erklärt.
Bei den Reaktionen bin ich länger hängen geblieben. Die einen sprechen von Abfall, die anderen von Heimkehr. Beide Lager setzen dabei etwas voraus, das sich schwer halten lässt, nämlich dass klar wäre, wohin jemand da eigentlich heimkehrt.
Was in Südost-Nigeria gerade passiert
Der Bericht, aus dem der Fall stammt, beschreibt weit mehr als eine Einzelentscheidung. In Südost-Nigeria wenden sich auffällig viele junge Christen wieder der afrikanischen traditionellen Religion zu. Mmanwu-Prozessionen, bei denen maskierte Tänzer Ahnengeister auftreten lassen, füllen wieder Straßen. Bei den Yoruba läuft dasselbe unter Isese, dem überlieferten Ritualsystem. Genannt wird auch ein früheres Vorstandsmitglied einer großen Pfingstgemeinde in Abuja, das denselben Weg gegangen ist.
Interessant, wie die Beteiligten das selbst nennen. Von Abkehr redet dort kaum jemand. Im Bericht fällt der Satz, hier sei eine spirituelle Erweckung im Gang, das Entstehen eines Afro-Pentekostalismus. Der Nollywood-Schauspieler Pete Edochie plädiert seit Jahren dafür, afrikanische Tradition und Christentum zu harmonisieren statt gegeneinanderzustellen. Es geht, so eine der Stimmen, um Freiheit, Identität und Widerstandskraft der afrikanischen Seele.
Die Kirchen reagieren erwartbar unterschiedlich. Anglikanische und katholische Vertreter kommen zu Wort, ebenso die Christian Association of Nigeria, die Pentecostal Fellowship of Nigeria und die katholische Bischofskonferenz. Kritisch klingt vor allem der Hinweis, dass unter den zurückkehrenden Praktiken auch Geldrituale mit vorchristlichen Wurzeln sehr beliebt sind. Das ist eine berechtigte Beobachtung, und sie trifft nicht die ganze Bewegung.
Für die Kirchen ist die Lage vertrackt, und zwar unabhängig davon, wie streng sie urteilen. Verurteilen sie die Bewegung scharf, bestätigen sie genau den Vorwurf, den die jungen Leute erheben, nämlich dass das Christentum in Nigeria mit einem europäischen Bewertungsmaßstab arbeitet. Gehen sie mit, stellen sie ihre eigene Lehre zur Verhandlung. Die katholische Kirche hat für dieses Problem seit Jahrzehnten den Begriff Inkulturation, also die Idee, dass sich der Glaube in einer Kultur einrichtet, statt sie zu ersetzen. Nur ist die Grenze dabei nie sauber zu ziehen, weil niemand verbindlich sagen kann, wo Kultur aufhört und Religion anfängt. lol
Was die jungen Leute antreibt, ist nach eigener Aussage kein Rückschritt, sondern eine Korrektur. Sie wollen ihren Glauben aus dem Erzählrahmen lösen, den Mission und Kolonialverwaltung ihm gegeben haben. Afrikanische Spiritualität und christliche Theologie sollen zusammengehen, weil das eine nie aufgehört hat zu existieren, während das andere sich als alleinige Wahrheit ausgab.
Das Paradox: Die Tradition, zu der man zurückkehrt, ist oft jünger als gedacht
Hier wird es religionswissenschaftlich richtig spannend, und zwar auf eine Weise, die keiner Seite in den Kram passt.
1983 erschien ein Sammelband von Eric Hobsbawm und Terence Ranger mit dem Titel „The Invention of Tradition“. Rangers Kapitel darin behandelt das koloniale Afrika, und seine These war unbequem. Vieles, was im 20. Jahrhundert als uralte afrikanische Tradition galt, bekam seine feste Form erst unter kolonialer Herrschaft. Kolonialbeamte brauchten klare Zuständigkeiten, Missionare brauchten klare Grenzen zwischen Christlichem und Heidnischem, und afrikanische Älteste hatten ein Interesse daran, ihre Autorität schriftlich fixieren zu lassen. Was vorher beweglich, regional verschieden und ständig neu verhandelt war, wurde zu Gewohnheitsrecht und zu einem Katalog von Bräuchen.
Das klingt nach Uni-Seminar, aber du kennst das Muster aus jedem Familienstreit über Weihnachten. „Das haben wir immer so gemacht“ meint fast nie immer. Es meint: seit Oma. Und Oma hat es von jemandem übernommen, der es sich ausgedacht hat, weil die Umstände es nahelegten.
Das Muster ist dabei nicht einseitig. Am Werk waren nicht bloß Fremde, die etwas festschrieben. Menschen vor Ort hatten auch etwas davon. Wenn eine Verwaltung fragt, wer hier zuständig ist, dann antwortet jemand, und diese Antwort wird zu Papier. Wer zufällig gefragt wurde, ist damit für die nächsten Jahrzehnte der legitime Sprecher einer Ordnung, die vorher mehrere Sprecher hatte. Genau deshalb ist der Begriff Erfindung so heikel, denn er klingt nach Betrug, und gemeint ist eher ein Aushandeln unter sehr ungleichen Bedingungen.
Ranger selbst hat seine These später abgeschwächt. Er fand „Erfindung“ zu hart, weil das Wort so klingt, als hätten Menschen sich etwas aus dem Nichts zusammengelogen, und schlug vor, lieber von Vorstellung und Fantasie zu sprechen. Denn das Material war ja da. Die Rituale, die Namen der Gottheiten, die Verwandtschaftsordnungen, all das existierte. Neu war die Verpackung, die feste Form, die Idee, dass es sich um ein geschlossenes System namens „die Tradition“ handelt.
Daraus ergibt sich ein Paradox, das nach beiden Seiten schneidet. Wer heute zur alten Religion zurückkehrt, kehrt teilweise zu einer Ordnung zurück, die im Streit mit der Mission entstanden ist. Und wer diese Rückkehr als unauthentisch abtut, benutzt dafür ein Argument, das im selben kolonialen Labor gebaut wurde.
Zwei Religionen nebeneinander, nicht ineinander
Es gibt eine zweite Beobachtung, die das Bild noch einmal dreht.
Der Religionswissenschaftler Ondřej Havelka hat zwischen 2001 und 2019 insgesamt drei Jahre Feldforschung in Afrika gemacht, zwölf Monate davon in West- und Zentralafrika, mit teilnehmender Beobachtung und Interviews in Igbo-Gemeinschaften in Nigeria, Benin, Togo und Ghana. Seine Zahlen sind ernüchternd für alle, die hier einen Massenaustritt vermuten. Von den rund 32 Millionen Igbo bekennen sich bis zu 99 Prozent formal zum Christentum in irgendeiner Konfession.
Trotzdem, sagt Havelka, ist Odinala nie verschwunden. Er beschreibt katholische Igbo, die beides praktizieren, und er besteht darauf, dass das kein Synkretismus ist, also keine Vermischung zu etwas Drittem. Die beiden Systeme laufen nebeneinander und beantworten unterschiedliche Fragen.
Konkret sieht das so aus. Person wird man in dieser Ordnung nicht durch Geburt, sondern durch Initiationsriten. Jeder Mensch hat ein chi, eine persönliche Schutzgottheit, und wenn eine Frau heiratet, nimmt sie ihren chi-Altar mit ins neue Haus. Kleine Holzfiguren, Ikenga, tragen dieses persönliche chi und stehen für Erfolg und Durchsetzungskraft. Verstorbene können in die eigene Familie zurückkehren, ilo-uwa, was Trauer und Elternschaft komplett anders rahmt, als eine Auferstehungshoffnung das tut.
Wenn dieser Befund stimmt, dann ist das, was gerade in Südost-Nigeria sichtbar wird, gar keine Konversionswelle. Dann wird nur öffentlich, was ohnehin lief. Und die eigentliche Neuerung ist nicht die Praxis, sondern das Selbstbewusstsein, mit dem junge Leute sie benennen, statt sie hinter der Kirchentür zu lassen.
Ein Prüfstein für die eigene Herkunft
Du kannst das an dir selbst durchspielen, egal woher du kommst. Nimm einen Brauch, den du für alt und selbstverständlich hältst, und stell ihm drei Fragen. Seit wann genau gibt es ihn in dieser Form? Wer hatte ein Interesse daran, ihn festzuschreiben? Und was ist dabei weggefallen, weil es nicht in die Form gepasst hat?
Bei deutschen Bräuchen landest du damit erstaunlich oft im 19. Jahrhundert, als Nationalbewegungen Volkstum gesucht und dabei ziemlich frei gestaltet haben. Das macht die Bräuche nicht wertlos. Es macht sie nur jünger, als sie sich anfühlen. 😉
Und weil die dritte Frage die unangenehmste ist, lohnt sie doppelt. Jede Festschreibung hat etwas ausgeschlossen. Regionale Varianten, die nicht in den Katalog passten, Rollen, die auf einmal keine Rolle mehr hatten, Deutungen, die als abergläubisch aussortiert wurden. Wer heute zurückkehrt, kehrt zur überlieferten Fassung zurück, nicht zu dem, was vor der Fassung war. Das ist kein Vorwurf. In dieser Lage steckt jede lebende Tradition, auch die christliche.
Kritisch hinterfragt
Die ehrlichste Stelle ist die, an der die These gefährlich wird. Das Argument von der erfundenen Tradition lässt sich hervorragend missbrauchen. Man kann damit jeder afrikanischen Identitätsbewegung sagen, ihre Wurzeln seien Einbildung, und genau diese Geste, jemandem die Deutung seiner eigenen Herkunft abzusprechen, ist der Kern des kolonialen Blicks gewesen. Wissenschaft, die das nicht mitdenkt, wiederholt die Sache mit besseren Fußnoten.
Wenn ich über westafrikanische Wurzeln rede, greife ich auf ein Bild von Herkunft zurück, das ich zum großen Teil aus Zuschreibungen habe, die in derselben Zeit entstanden sind, über die ich hier schreibe. Meine eigene Vorstellung von „meiner“ Tradition ist also selbst ein Produkt der Kodifizierung, die ich kritisiere.
Offen bleibt außerdem einiges am Material. Havelkas Aussage, es finde keine Vermischung statt, ist eine starke Behauptung, und andere Forschende in der Inkulturationsdebatte sehen sehr wohl Mischformen. Wie groß die Rückkehrbewegung wirklich ist, lässt sich aus einem Zeitungsbericht nicht beziffern, und ob die beteiligten Kirchen sie als Bedrohung oder als Chance lesen, hängt stark von der Konfession ab.
Was ich aus der Sache mitnehme, ist kein Urteil, sondern ein Maßstab. Erben kann man Praxis, Sprache, Rituale und Fragen. Was man nicht erben kann, ist die Sicherheit, dass das Geerbte schon immer so war. Wer glaubt, seine Tradition sei unverändert, hat meistens nur die letzte Änderung vergessen.
Wie Ideen benutzt, umgedeutet und als Besitz beansprucht werden, zieht sich durch fast alles, woran ich arbeite. Auf meinem YouTube-Kanal gehe ich solchen Fällen ausführlicher nach, mit mehr Zeit für die Quellen, als ein Blogtext hergibt. Und wenn du selbst einen Brauch kennst, der sich uralt anfühlt und es nicht ist, schreib ihn mir in die Kommentare.
KardiKassin
Quellen
K.C. Nwajei, „Nigeria Witnesses Return of Traditional Religion“, The Living Church, 25. August 2026, https://livingchurch.org/news/news-anglican-communion/nigeria-witnesses-return-of-traditional-religion/
Eric Hobsbawm und Terence Ranger (Hg.), „The Invention of Tradition“, Cambridge University Press 1983, darin Kapitel 6: Terence Ranger, „The Invention of Tradition in Colonial Africa“
Terence Ranger, „The Invention of Tradition Revisited: The Case of Colonial Africa“, in: Terence Ranger und Olufemi Vaughan (Hg.), „Legitimacy and the State in Twentieth-Century Africa“, Macmillan 1993
Ondřej Havelka, „Odinala Traditional Religion as Part of Igbo Catholic Christian Identity“, Communio Viatorum LXVI (2024/2), S. 139 bis 153, https://karolinum.cz/data/clanek/13304/CV_66_2_0139.pdf
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