
German Brass in the Benin Bronzes: What the Isotopes Prove, and What They Don’t
15. September 2026Sechs Minuten. Ungefähr so lange dauert es, bis ein Wort im Sprechchor seine eigene Geschichte vergessen hat.
Zwei Leute sehen dieselbe Nachrichtensendung. Der eine schaltet ab und sagt, das sei Regierungsfunk. Die andere schaltet ab und sagt, die würden den Falschen viel zu viel Raum geben. Beide haben dieselben Bilder gesehen, dieselben Sätze gehört, und beide sind sicher, dass die Sendung gegen sie gemacht war.
Irgendwann fällt in so einem Gespräch das Wort „Lügenpresse“. Und wer es hört, weiß sofort, aus welcher Ecke es kommt. Glaubt man jedenfalls. Denn das Wort hat in den letzten 190 Jahren so oft die Seite gewechselt, dass die Zuordnung eher etwas über den Hörer sagt als über das Wort.
Ein Buch von 1695, das Journalisten verteidigt
Der Vorwurf ist älter als das Wort. 1695 erschien ein Buch mit dem Titel „Zeitungs Lust und Nutz“, geschrieben von Kaspar von Stieler, und darin gibt es ein eigenes Kapitel mit der Überschrift „Von dem Schutze wieder die Zeitungs-Stürmer“. Stieler musste die Zeitungsschreiber seiner Zeit gegen den Vorwurf in Schutz nehmen, sie seien „Ungewiß und Lügenhaft“. Sein Argument: Auch ein Zeitungsschreiber ist ein Mensch, der irren kann. Und sein Rat an die Journalisten war, ihre Quellen zu nennen, weil sie nicht alles selbst nachprüfen könnten. Das ist 330 Jahre her und klingt wie ein Leitfaden von heute.
Das Kompositum „Lügenpresse“ taucht dann im 19. Jahrhundert auf, erst vereinzelt. 1835 gibt die Wiener Zeitung die Rede eines französischen Abgeordneten wieder, der die Pressefreiheit einschränken will, weil nur durch Unterdrückung der Lügenpresse der wahren Presse geholfen werden könne. Ab 1848 wird es dann regelmäßig benutzt, und zwar von katholisch-konservativer Seite gegen die liberale Presse, die nach der Märzrevolution ohne Zensur erscheinen durfte. Der Priester und Abgeordnete Beda Weber schrieb nach der Hinrichtung von Robert Blum über die „jüdische Lügenpresse“, die den Aufruhr geschürt habe. Der antisemitische Zusatz ist von Anfang an dabei, und das bleibt so.
Das erste Lager, das das Wort dauerhaft benutzt, ist also nicht das, an das heute die meisten denken. Es waren Konservative, die eine neue, freie Presse nicht ertragen wollten.
1914: Die Professoren rufen zuerst
Im Ersten Weltkrieg wird „Lügenpresse“ zum ersten Mal ein breit benutzter Begriff, und die lautesten Rufer waren keine Randfiguren. Der Theologe Adolf von Harnack, Direktor der Königlichen Bibliothek und einer der angesehensten Gelehrten des Kaiserreichs, schrieb am 10. September 1914 in einer Antwort an englische Kollegen: „Als vierte Großmacht hat sich gegen Deutschland die internationale Lügenpresse erhoben.“ Ich zitiere den Satz wörtlich, weil die Formulierung „vierte Großmacht“ zeigt, wie das Wort funktioniert. Die Presse der anderen wird zur Kriegspartei erklärt, und wer Kriegspartei ist, dem muss man nicht mehr zuhören.
Gerhart Hauptmann schrieb am selben Tag an Romain Rolland und warf der „französischen Lügenpresse“ vor, Gräuelgeschichten über deutsche Soldaten zu verbreiten. Der Schweizer Theologe Leonhard Ragaz hielt den deutschen Kollegen damals entgegen, was der Mechanismus in Wahrheit ist: Die Presse der Gegner, die die Dinge anders darstellt als die eigene, wird kurzerhand zur Lügenpresse. Sie muss dafür gar nicht lügen. Es reicht, dass sie anders berichtet.
Ein Leipziger Sprachlehrer namens Reinhold Anton machte daraus ein Geschäft und veröffentlichte 1915 und 1916 fünf Bände unter dem Titel „Der Lügenfeldzug unserer Feinde“. Band 4 hieß schlicht „Die Lügenpresse“. Das Wort hatte jetzt Buchdeckel.
Das Wort wechselt die Seite, und zwar jedes Mal
Nach 1918 nehmen es die anderen. Beim Gründungsparteitag der KPD sprach Karl Radek vom Kampf gegen die „Lügenpresse der Bourgeoisie“, und ein kommunistisches Blatt in Jena titelte 1924 auf der ersten Seite „Hinaus mit der bürgerlich-kapitalistischen Lügenpresse“. Gleichzeitig benutzte Alfred Rosenberg im Völkischen Beobachter 1921 dasselbe Wort gegen die Frankfurter Zeitung, den Vorwärts und das Berliner Tageblatt. Zwei Lager, die sich auf der Straße prügelten, riefen dasselbe Wort gegen dieselben Zeitungen.
Am 23. März 1933 sagte Hermann Göring es im Reichstag, in der Aussprache zum Ermächtigungsgesetz. Und 1939, als die deutsche Inlandspresse längst gleichgeschaltet war und eine Lügenpresse im Inland schlicht nicht mehr existierte, verwendete Goebbels das Wort in mehreren Reden gegen die Medien der USA, Frankreichs und Großbritanniens. Die Exilpresse antwortete mit derselben Münze und nannte die NS-Zeitungen „braune Lügenpresse“.
Nach 1945 wanderte das Wort über die innerdeutsche Grenze. Otto Grotewohl benutzte es, im „Schwarzen Kanal“ war die „kapitalistische Lügenpresse“ ein fester Baustein, und das Neue Deutschland bezeichnete westdeutsche Zeitungen bis Anfang der 1970er Jahre so. Im Herbst 1989 nannten die Demonstranten dann das Neue Deutschland selbst Lügenpresse. Und 2014 kam es in Dresden zurück auf die Straße, wurde im Januar 2015 zum Unwort des Jahres 2014 gewählt, und die Jury vermutete damals, dass den meisten, die es riefen, die Vorgeschichte gar nicht bewusst war.
Nimm irgendein Kampfwort, das du ganz sicher der Gegenseite zuordnest, und such sein erstes Auftreten. Die erste, die sich belegen lässt, egal welche du selbst kennst. Bei „Lügenpresse“ landest du bei Katholiken, die eine freie Presse verhindern wollten, und danach bei Professoren, die einen Krieg verteidigten. Bei anderen Wörtern wird es ähnlich schief ausgehen.
Warum beide Seiten denselben Bericht als Angriff lesen
1985 zeigten die Psychologen Robert Vallone, Lee Ross und Mark Lepper Anhängern beider Seiten des Nahostkonflikts dieselben Fernsehberichte über das Massaker von Beirut. Beide Gruppen fanden die Berichte einseitig, und zwar jeweils gegen die eigene Seite. Seitdem heißt das Hostile-Media-Effekt, und die Forschung rechnet die Wahrnehmung von Medien als „Lügenpresse“ genau diesem Muster zu. Wer eine feste Meinung hat, liest einen ausgewogenen Bericht als feindlich, weil ihm vor allem die Stellen auffallen, die seiner Meinung widersprechen. Die politische Richtung spielt dabei keine Rolle, die Festigkeit der Meinung schon.
Die Zahlen aus Deutschland passen dazu. Ende 2015 fragte Allensbach, ob am Vorwurf der Lügenpresse etwas dran sei. 39 Prozent sagten ja, 36 Prozent nein, in Ostdeutschland waren es 44 zu 30. Im selben Jahr fragte Infratest dimap, ob die Befragten persönlich von Lügenpresse sprechen würden. 20 Prozent sagten ja, 72 Prozent nein. Zwischen beiden Zahlen liegt das Wort. Fast vierzig Prozent finden, dass an dem Vorwurf etwas ist. Nur jeder Fünfte würde das Wort in den Mund nehmen. Die Skepsis ist viel breiter als der Sprechchor, und wer beides in einen Topf wirft, verliert die 39 Prozent an die 20.
Kritisch hinterfragt
Ich habe diese Wortgeschichte fast vollständig aus einer einzigen Sekundärquelle gebaut, einem Lexikonartikel mit 138 Fußnoten, und ich habe keinen einzigen dieser Belege im Archiv selbst aufgeschlagen. Ein Text über das Vertrauen in Quellen, der auf dem Vertrauen in eine Quelle beruht. Stieler hätte mich 1695 vermutlich zu den Zeitungs-Stürmern gezählt.
Dann die Einebnung. Wer sagt, jede Seite habe das Wort benutzt, macht damit auch alle Verwendungen gleich groß. Ein KPD-Flugblatt von 1924 und eine Goebbels-Rede von 1939 sind aber nicht dasselbe, und die heutige Verwendung ist dokumentiert im Zusammenhang mit Übergriffen auf Journalisten, etwa auf einen dpa-Fotografen in Dresden im September 2015. Eine Wortgeschichte erklärt, woher etwas kommt. Sie sagt nichts darüber, wer heute damit wen bedroht.
Offen bleibt außerdem, ob das Vertrauen überhaupt schwindet. Carsten Reinemann und Nayla Fawzi haben 2016 die Langzeitdaten ausgewertet und kamen zu dem Schluss, dass ein Großteil der Deutschen der Presse schon seit Jahrzehnten eher skeptisch gegenübersteht und die Krisenerzählung übertrieben ist. Wenn das stimmt, dann ist nicht das Misstrauen neu, sondern nur das Wort dafür.
Am meisten kostet die Konsequenz aus dem Befund, dass das Wort nichts über die Wahrheit aussagt. Denn dann reicht es auch nicht, es als Nazivokabel abzutun und die Sache für erledigt zu halten. Der Medienwissenschaftler Uwe Krüger hat 2016 darauf hingewiesen, dass der eigentliche Vorwurf des Publikums selten die Lüge ist. Gemeint ist meist die Einseitigkeit bei der Auswahl von Themen und Stimmen. Einseitigkeit lässt sich prüfen, Bericht für Bericht. Das ist mühsamer als ein Sprechchor und mühsamer als ein Unwort. Aber es ist die einzige Form von Medienkritik, die nach 190 Jahren nicht wieder die Seite wechselt.
Wie Wörter benutzt, umgedreht und als Waffe eingesetzt werden, zieht sich durch fast alles, woran ich arbeite. Weitere Fundstücke aus der Sprachgeschichte sammle ich auch auf Pinterest, unter @kardikassin. Und falls du selbst ein Wort benutzt hast, von dem du später erfahren hast, wer es vor dir benutzt hat: Wie ging es dir damit?
Quellen
Wikipedia, „Lügenpresse“, mit Belegen zu Stieler 1695, Weber 1848, Harnack und Hauptmann 1914, Anton 1915/16, Radek 1918, Göring 1933, Goebbels 1939, DDR-Gebrauch und Umfragen 2015, https://de.wikipedia.org/wiki/L%C3%BCgenpresse
Sprachkritische Aktion Unwort des Jahres, Pressemitteilung zur Wahl des Unworts 2014, 13. Januar 2015, https://web.archive.org/web/20150113120804/http://www.unwortdesjahres.net/fileadmin/unwort/download/pressemitteilung_unwort2014.pdf
Robert P. Vallone, Lee Ross, Mark R. Lepper, „The hostile media phenomenon“, Journal of Personality and Social Psychology 49 (1985), S. 577 bis 585, https://doi.org/10.1037/0022-3514.49.3.577
Peter Holtz, Joachim Kimmerle, „Lügenpresse und der Hostile-Media-Effekt“, in: Markus Appel (Hg.), Die Psychologie des Postfaktischen, Springer 2020, https://doi.org/10.1007/978-3-662-58695-2_3
Heiko Hilker, „Zur Historie der Lügenpresse“, Linke Medienakademie, 21. September 2015, https://www.linkemedienakademie.de/wp-content/uploads/2015/09/L%C3%BCgenpresse-LIMA-2015-1.pdf






