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19. September 2026Artisanaler Goldbergbau: Der Wert entsteht am Ende der Kette, das Risiko am Anfang
Sieben Minuten Lesezeit. Danach siehst du einen Ehering -sofern du einn hast – vermutlich anders an als jetzt.
Gold ist das anonymste Material, das wir handeln. Es rostet nicht, es verdirbt nicht, und im Schmuckladen sieht es überall auf der Welt gleich aus, egal aus wessen Boden es kam. Einen Sack Kakao kann man im Zweifel bis zur Plantage zurückverfolgen. Einen Barren nicht mehr, sobald er einmal eingeschmolzen ist.
Als ich über Kakao geschrieben habe, ging es um eine Rechnung, die jeder nachvollziehen kann. Der Bauer bekommt wenig, der Rest der Kette bekommt viel. Bei Gold sieht diese Rechnung auf den ersten Blick völlig anders aus, und trotzdem landet man am Ende beim selben Muster. Nur verschiebt es sich von der Frage, wer das Geld bekommt, zu der Frage, wer den Kopf hinhält.
Was am 18. August 2026 in Zamboye passiert ist
Zamboye liegt im Westen der Zentralafrikanischen Republik, rund fünfzig Kilometer von Baboua entfernt, nah an der Grenze zu Kamerun. Dort arbeiten Menschen in einer artisanalen Goldmine, also im Kleinbergbau von Hand, mit Schaufel, Eimer und selbst gegrabenen Stollen. An diesem Tag gab der Hang nach.
Al Jazeera berichtete von mehr als hundert Toten, der Staatsanwalt von Baboua führte das Unglück auf den Einsturz mehrerer unterirdischer Stollen zurück. Der Geologe Dave Petley wertete in seinem Landslide Blog zwei Videos aus, die das Ereignis aus verschiedenen Winkeln zeigen, und kam auf 107 geborgene Leichen. Was auf den Aufnahmen zu sehen ist, macht die Sache noch bitterer. Vor dem Hang stehen sehr viele Menschen, und eine Erklärung dafür ist, dass sie bereits dabei waren, nach einer ersten Rutschung Verschüttete auszugraben, als der Hang ein zweites Mal nachgab.
Arbeiter vor Ort sagten anschließend, der Rettung hätten Ausrüstung und Fachkenntnis für ein Unglück dieser Größe gefehlt. Africanews meldete, die Regierung habe die Mine danach geschlossen. Und Zamboye war kein Ausreißer. Im Juni 2026 starben Dutzende in Be-Mbari, im März sieben in Ngourroum, im Februar zwanzig in Gordi. Vier Unglücke in sieben Monaten, im selben Land, im selben Sektor.
Zwanzig Prozent des Weltgoldes kommen aus Gruben wie dieser
Es wäre bequem, das als Randerscheinung abzuhaken. Ein armes Land, ein informeller Sektor, tragisch, aber klein. Die Zahlen sagen etwas anderes.
Der World Gold Council, also der Branchenverband der großen Goldproduzenten, beziffert den Anteil des artisanalen und kleingewerblichen Goldbergbaus auf rund zwanzig Prozent des weltweiten Goldangebots. Etwa zwanzig Millionen Menschen leben davon. Und ungefähr 85 Prozent dieser Förderung findet außerhalb jedes formalen Regelwerks statt.
Jeder fünfte Gramm Gold auf dem Weltmarkt kommt also aus einem Bereich, den kein Register erfasst, keine Aufsicht kontrolliert und keine Haftung erreicht. Nicht aus einem Nebenzweig, sondern aus dem Fundament der Lieferkette.
Wenn du jetzt an deinen Trauring denkst oder an das Goldstück im Portfolio deiner Bank, dann ist die ehrliche Antwort: Du weißt es nicht. Das ist keine Anklage, sondern eine Zustandsbeschreibung. Die Kette ist so gebaut, dass du es nicht wissen kannst.
Wo aus geschmuggeltem Gold legales Gold wird
An dieser Stelle wird die Sache konkret nachrechenbar, und das verdanken wir einer einzigen Rechenoperation. Die Schweizer Organisation Swissaid hat für die Jahre 2012 bis 2022 die Ausfuhrstatistiken aller 54 afrikanischen Staaten mit den Einfuhrstatistiken ihrer Handelspartner verglichen. Was in Afrika als Export gemeldet wird und was anderswo als Import ankommt, muss sich decken. Tut es aber nicht.
Die Lücke liegt bei 321 bis 474 Tonnen Gold pro Jahr, im Gegenwert von 24 bis 35 Milliarden US-Dollar. Das entspricht etwa drei Vierteln der gesamten afrikanischen Kleinbergbau-Produktion. Für 2022 gingen knapp achtzig Prozent dieses Goldes in drei Länder: die Vereinigten Arabischen Emirate mit 47 Prozent, die Schweiz mit 21 Prozent und Indien mit zwölf Prozent. Allein in die Emirate kamen über die zehn Jahre 2569 Tonnen nicht deklariertes Gold, gut 115 Milliarden Dollar.
Das ist der Punkt, an dem sich das Material verwandelt. Ein Klumpen aus einer Grube ohne Papiere geht in eine Raffinerie und kommt als Barren mit Prägung, Reinheitsangabe und Seriennummer wieder heraus. Danach ist er handelbar, bankfähig, unverdächtig. Die Herkunft ist nicht vertuscht worden, sie ist einfach weggeschmolzen. Und die Raffinerie hat dabei nichts Verbotenes getan, sie hat Metall verarbeitet.
Frag dich einmal, an welcher Stelle dieser Kette jemand haftet, wenn in Zamboye ein Hang nachgibt. Der Zwischenhändler kauft Metall. Der Exporteur verschiebt Metall. Die Raffinerie reinigt Metall. Der Händler verkauft Metall. Niemand von ihnen war je in der Grube, und rechtlich muss auch niemand von ihnen dort gewesen sein.
Warum der Vergleich mit Kakao nur halb passt
Bei Kakao ist die Ungleichheit eine Preisfrage. Public Eye rechnet vor, dass westafrikanische Kakaobauern rund sechs Prozent vom Preis einer Tonne Kakao sehen, während Verarbeitung, Herstellung und Handel zusammen fast achtzig Prozent nehmen. Wer eine Tafel Schokolade kauft, bezahlt zum weitaus größten Teil Arbeit, die in Europa stattgefunden hat.
Bei Gold funktioniert das so nicht, und ich fände es unredlich, das zu verschweigen. Gold hat einen Weltmarktpreis, der jeden Tag an der Börse steht. Ein Schürfer verkauft an einen Zwischenhändler mit Abschlägen, wegen Vorfinanzierung, Transport und fehlender Alternative, aber er verkauft in dieselbe Preiswelt hinein wie eine Bank in Zürich. Der Rohstoff selbst ist nicht billig gemacht. Wer aus der Kakao-Reihe die Erwartung mitbringt, hier stünden wieder sechs Prozent gegen achtzig, wird die Zahlen nicht finden.
Verschoben ist etwas anderes. Was in der Grube am Anfang der Kette entsteht, ist nicht der niedrige Preis, sondern das Risiko: einstürzende Stollen, Quecksilber, Kinderarbeit, bewaffnete Gruppen, die Zugänge kontrollieren. Was am Ende der Kette entsteht, ist die Legalität. Der Barren ist sauber, der Stollen ist es nicht, und zwischen beiden liegt ein Schmelzofen.
Nimm dir irgendein Ding in deiner Wohnung, das aus mehreren Ländern zusammengesetzt ist, und stell ihm zwei Fragen. Wo in dieser Kette entsteht der Gewinn? Und wo entsteht die Möglichkeit, dass jemand dabei stirbt? Bei erstaunlich vielen Dingen ist das nicht derselbe Ort, und meistens liegen die beiden Orte auf verschiedenen Kontinenten.
Kritisch hinterfragt
Ich habe diesen Text über Menschen geschrieben, mit denen ich nie gesprochen habe. Alles, was ich über Zamboye weiß, stammt von Nachrichtenagenturen und aus der Auswertung zweier Videos durch einen Geologen in England. Kein Name eines Toten steht in meinen Quellen. Ich benutze hundertsieben Menschen als Beleg für ein Argument über Lieferketten, und diese Asymmetrie ist ziemlich genau die, die ich hier beschreibe. Der Wert meines Textes entsteht bei mir, das Material dafür kam von woanders.
Offen bleibt einiges. Die Opferzahl ist eine Bergungszahl, keine Bilanz; wie viele Menschen an diesem Hang gearbeitet haben, weiß niemand genau, weil sie nirgends registriert waren. Ob die Menge vor dem Hang tatsächlich aus Rettern bestand, ist Petleys Lesart aus dem Videomaterial, nicht mehr. Und die Swissaid-Lücke misst Statistikdifferenzen, was nicht dasselbe ist wie Schmuggel im juristischen Sinn, auch wenn es eine sehr plausible Erklärung dafür ist.
Am meisten kostet die Konsequenz, die niemand gern zu Ende denkt. Ein Ausstieg aus dem informellen Gold wäre kein Sieg, sondern ein Einkommensverlust für zwanzig Millionen Menschen. Die Grube ist nicht die Alternative zu einem besseren Job, sie ist oft die Alternative zu gar keinem. Wer Rückverfolgbarkeit fordert, fordert damit auch, dass jemand die Kosten dafür trägt, und bisher trägt sie derselbe, der schon im Stollen steht.
Wie Wert entsteht, wo er hinfließt und wer unterwegs unsichtbar wird, zieht sich durch fast alles, woran ich arbeite. Auf meinem YouTube-Kanal nehme ich mir für solche Ketten mehr Zeit, als ein Blogtext hergibt. Und falls du beruflich mit Rohstoffen oder Einkauf zu tun hast: Wie weit reicht die Rückverfolgung in deinem Bereich wirklich, bevor sie aufhört?
Quellen
Al Jazeera, „At least 100 dead in gold mine collapse in Central African Republic“, 19. August 2026, https://www.aljazeera.com/news/2026/8/19/dozens-killed-after-gold-mine-collapse-in-central-african-republic
Dave Petley, „The 18 August 2026 gold mine landslide at the Zamboye (Zamboi) mining site in the Central African Republic“, The Landslide Blog, EOS, 2026, https://eos.org/thelandslideblog/zamboye-1
World Gold Council, „Understanding ASGM: A Vital Segment of the Gold Sector“, Juni 2025, https://www.gold.org/responsible-gold/esg/esg-blog/2025/06/understanding-asgm-vital-segment-gold-sector
Swissaid, „On the trail of African gold“, Studie und Medienmitteilung 2024, https://www.swissaid.ch/en/media/press-release-gold-study-2024/
Public Eye, „Lieferkette und Wertschöpfung“, Dossier Schokolade, https://www.publiceye.ch/de/archiv/schokolade/der-kakaomarkt/lieferkette-und-wertschoepfung
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