
Mansa Musa’s Gold in Cairo: One Sentence, Twelve Years, and the Exchange Rates That Say Otherwise
23. September 2026Wer in zwei Sprachen schreibt, kennt den Moment, in dem ein Wort nicht mitkommt. Meistens findet man einen Umweg. Manchmal merkt man, dass gar nicht das Wort das Problem ist, sondern etwas, das in der einen Sprache daran hängt und in der anderen nicht.
Mir ist das an einem einzelnen Buchstaben passiert.
Es gibt im Deutschen die Empfehlung, „Schwarz“ groß zu schreiben, wenn von Menschen die Rede ist. Das große S soll anzeigen, dass keine Hautfarbe gemeint ist, sondern eine Zugehörigkeit, die Menschen für sich selbst gewählt haben. Sehr viele Leute haben davon noch nie gehört. Das ist kein Nebenaspekt, sondern schon die halbe Sache.
Und an dieser Stelle steigen manche aus. Warum sollte man über einen Großbuchstaben überhaupt reden? Weil daran etwas sichtbar wird, das mit diesem einen Wort wenig zu tun hat. Ein Zeichen, das nur die verstehen, die es ohnehin schon kennen, erklärt niemandem etwas. Und ein Ausdruck, den man aus einer anderen Sprache übernimmt, bringt eine Diskussion mit, die es hier nie gegeben hat. Beides passiert ständig, in der Werbung, im Behördendeutsch, bei jedem englischen Fachwort, das ins Deutsche rutscht. An diesem kleinen Fall kann man es einmal ganz durchsehen.
Das hier ist also keine Liste mit Wörtern, die man nicht mehr sagen darf, und keine Aufforderung an dich, irgendetwas zu ändern. In meinen eigenen Texten kommt das Wort übrigens nicht vor, auch nicht klein geschrieben. Ich gehe an der Stelle vorbei, mit „afrodeutsch“, mit dem Herkunftsland, wo es bekannt ist, oder indem ich den Satz anders baue. Warum eigentlich, hatte ich mir nie richtig klargemacht. Also habe ich mir angesehen, was dieser Großbuchstabe leistet, in beiden Sprachen.
Woher die Großschreibung kommt
Die Konvention ist kein Zufall, und sie kam auch nicht von außen. Mitte der Achtzigerjahre begannen Schwarze Aktivistinnen in Deutschland, sich selbst so zu bezeichnen. May Ayim, Katharina Oguntoye und weitere gründeten 1985 die Initiative Schwarze Deutsche, aus der später die bis heute aktive Initiative Schwarze Menschen in Deutschland wurde, mit der ausdrücklichen Absicht, ein zuvor rein rassistisch besetztes Wort zurückzuerobern und in eine Selbstbezeichnung zu verwandeln. Die Großschreibung sollte genau diesen Unterschied sichtbar machen: nicht Hautfarbe, sondern gemeinsame Erfahrung. Das ist eine ernstzunehmende, hart erkämpfte Entscheidung, keine Marotte einer Sprachpolizei.
Sie lehnt sich aber an eine englischsprachige Praxis an. Im Englischen ist „black“ als Adjektiv klein, „Black“ wird bewusst wie ein Gruppenname behandelt, so wie „Latino“ oder „Asian American“. Die deutsche Regel ist also selbst schon eine Übersetzung. Und sie erbt dabei ein Problem, das es im Original nicht gibt.
Was ein Großbuchstabe im Deutschen ausrichten kann
Das Deutsche hat den englischen Unterschied nicht. Adjektive werden hier standardmäßig klein geschrieben, die Großschreibung von „Schwarz“ ist ein bewusster Bruch mit der eigenen Rechtschreibung. Im Englischen trennt das große B zwei Formen, die es beide gibt. Im Deutschen trennt das große S nichts, es fällt nur auf.
Dazu kommt eine Eigenheit unserer Grammatik. Das Deutsche schreibt Adjektive automatisch groß, sobald sie als Substantiv gebraucht werden, ganz ohne Absicht dahinter. Bei „die Alten“ oder „die Fremden“ sieht man, was dabei passiert. Aus einer Eigenschaft wird eine Gruppe, und die Menschen darin verschwinden. Genau diese Form ist die einzige, in der „schwarz“ im Deutschen ohnehin schon groß steht. Sie zeigt also nichts an, weil man ihr nicht ansieht, ob eine Haltung dahintersteckt oder nur die Rechtschreibung. Und sie ist zugleich die Form, die ich aus einem ganz anderen Grund meide, weil sie Menschen zu einem Block zusammenzieht. Übrig bleibt der Gebrauch vor einem Substantiv, „Schwarze Menschen“.
Und dann ist da noch der Leser. Die Regel funktioniert nur unter Leuten, die sie kennen. In einem Seminar, in einer Redaktion, in einem Verein, der sich damit beschäftigt, ist die Großschreibung ein Signal, das ankommt. Wer einfach nur einen Blogbeitrag liest, hat nie gehört, dass an dieser Stelle überhaupt eine Entscheidung liegt. Für ihn steht da ein großgeschriebenes Wort, sonst nichts. Das ist kein Vorwurf an ihn, das ist eine Eigenschaft der Regel.
Selbst Leitfäden, die die Großschreibung empfehlen, räumen einen Teil davon ein. Ein viel zitierter Kölner Leitfaden für rassismuskritischen Sprachgebrauch schreibt offen, viele Menschen hätten ein Problem mit der Bezeichnung „Schwarz“, nicht selten werde sie mit etwas Schlechtem assoziiert, und verweist stattdessen auf „afrodeutsch“, einen Begriff, der aus derselben Bewegung stammt.
Die Diskussion reist nicht mit
Weil die Ausgangslage verschieden ist, ist auch die Diskussion verschieden. Im englischsprachigen Raum wird über die Großschreibung gestritten, aber es ist ein Streit unter Leuten, die die Regel kennen. Er geht darum, ob „white“ auch groß gehört, ob das große B alle meint, die es meinen soll, ob eine Schreibweise überhaupt etwas ändert. Im deutschsprachigen Raum steht eine ganz andere Frage davor, nämlich ob das Zeichen hier überhaupt lesbar ist.
Wer also einen Text übersetzt, übersetzt nicht nur den Satz. Er stellt ihn in eine andere Diskussion hinein, in der er andere Rückfragen auslöst. Dieselbe Zeile ist in der einen Fassung eine Selbstverständlichkeit und in der anderen eine Position.
Ein ähnlicher Streit, eine Ebene höher
Dass ein Begriff, der über Rassismus verhandelt, komplett gegensätzlich bewertet wird, ist kein Einzelfall meiner beiden Sprachen. Auf der Weltkonferenz gegen Rassismus 2001 in Durban gab es einen strukturell ähnlichen Streit, nur beim Wort „Rasse“ selbst. Europäische Staaten und viele Fachleute wollten den Begriff komplett aus dem Vokabular streichen, weil er die alte, längst widerlegte Vorstellung von biologisch unterscheidbaren Menschenrassen transportiert. Afrikanische und karibische Staaten bestanden dagegen ausdrücklich darauf, ihn zu behalten. Ihre jahrhundertelange Erfahrung mit Ausgrenzung und Diskriminierung hing sich genau an diese Kategorie, und die europäische Ablehnung des Wortes kam ihnen wie eine Verneinung dieser Geschichte vor, fast wie eine Flucht aus der Verantwortung.
Am Ende einigte sich die Konferenz auf einen Kompromiss: Erklärung und Aktionsprogramm benutzen die Begriffe „Rassismus“ und „rassisch“ weiterhin, betonen aber ausdrücklich, dass Theorien einer biologischen Rassenteilung wissenschaftlich falsch sind. Der Begriff blieb stehen, wurde aber inhaltlich entkernt. Genau dieses Muster, ein Wort bleibt, seine Bedeutung wird umgebaut, kommt mir bei „Schwarz“ bekannt vor. Nur verläuft die Front hier nicht zwischen Europa und Afrika, sondern zwischen Deutsch und Englisch, und auf einen gemeinsamen Kompromiss hat sich bislang niemand geeinigt.
Quelle: Weltkonferenz gegen Rassismus 2001, Durban (Südafrika), Erklärung und Aktionsprogramm, hg. Eidgenössisches Departement des Innern, Fachstelle für Rassismusbekämpfung, Bern 2002, S. 7.
Eine Probe, die sich lohnt
Es gibt eine einfache Prüfung, und sie kostet zwei Minuten. Nimm einen Satz, stell die Übersetzung daneben und frag dich nicht, ob die Wörter stimmen, sondern ob die Absicht mitgekommen ist. Bei „Schwarz“ und „Black“ kommt sie in eine Richtung mit und in die andere nicht.
Das gilt nicht nur hier. „Weiß“ wird im Deutschen oft kursiv statt groß markiert, und Kursivschrift überlebt einen Sprachwechsel noch schlechter als eine Großschreibung. „People of Color“ reist umgekehrt als englischer Sammelbegriff ins Deutsche ein und schleppt eine Vorgeschichte mit, die hier kaum jemand kennt. Jeder dieser Ausdrücke besteht die Probe in genau einer Richtung.
Kritisch hinterfragt
Ich sag’s offen: Ich benenne lieber nach Herkunft als nach Farbe. Farbe als Kategorie für Menschen kommt aus der Zeit von Versklavung und Rassenlehre. Dass Leute sich „Schwarz“ großgeschrieben zurückgeholt haben, respektiere ich, das war eine bewusste Entscheidung und kein Zufall. Für mich selbst fühlt sich „afrodeutsch“ trotzdem genauer an. Und „Afro-German“ ist keine nachträgliche Übersetzung, der Begriff ist im Deutschen und Englischen gleichzeitig entstanden, Mitte der Achtziger in Berlin, im Umfeld von Audre Lorde, May Ayim und Katharina Oguntoye.
Und dann die Frage nach der Herkunft. Die ist nicht das Problem. Das Problem ist das eine Wort, das oft dranhängt. Du sagst „Leipzig“, die Leute gucken dich an und fragen: „Nee, ich mein, wo kommst du wirklich her?“ Dieses „wirklich“ heißt: Von hier kannst du nicht sein.
Frag stattdessen: „Wo bist du gebürtig her?“ Die Antwort gilt dann auch. Und wenn dich danach noch was interessiert, kannst du ja fragen: „Cool, und wo kommen deine Eltern her?“ Da wird niemand in eine Schublade gesteckt, da redest du mit einem Menschen, der eine eigene Geschichte hat.
Offen bleibt für mich trotzdem: Hilft meine Wortwahl den Leuten, über die ich schreibe, oder vor allem mir?
Woher solche Bilder kommen
Diese eine Stelle, an der etwas beim Übersetzen verschwindet, ist kein Einzelfall. Genau dieser Frage bin ich an anderer Stelle noch einmal nachgegangen, größer aufgezogen: wie sehr die Bilder, die wir von Afrika übernehmen, selbst schon aus einer bestimmten Ecke stammen, ohne dass es uns auffällt. Wenn dich das interessiert, hab ich dazu ein Freebie gemacht, „Made in Germany“, wie das eigene Afrikabild entstanden ist. Kannst du dir hier holen: https://kardikassin.com/made-in-germany/
Und dann würde mich interessieren, wie es bei dir aussieht. Ist dir schon einmal ein Wort begegnet, das auf Englisch selbstverständlich klingt und auf Deutsch plötzlich nach Ansage? Schreib es mir in die Kommentare, die guten Fälle nehme ich mit auf.






