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14. September 2026Im September 2025 sollten in Deutschland Kisten gepackt werden. Darin Objekte aus allen vier großen Kulturregionen Kameruns, abgestimmt zwischen Museen, Landesregierungen und einer kamerunischen Kommission. Beide Seiten hatten von einem Durchbruch gesprochen, Vertreter des Auswärtigen Amts sollten im August anreisen und die Übergabe vorbereiten.
Es fuhr nichts los. Und der Grund ist nicht der, den man vermutet. Kein Museum hat sich gesperrt, kein Land hat Nein gesagt, Kamerun hat nicht plötzlich mehr verlangt.
Vierzigtausend Objekte, und keiner hat die Liste
Albert Gouaffo von der Université de Dschang und Bénédicte Savoy von der TU Berlin haben im Juli 2023 den „Atlas der Abwesenheit“ vorgelegt. Darin sind rund 41.000 Objekte aus Kamerun nachgewiesen, die heute in öffentlichen deutschen Sammlungen liegen. Mehr hat kein anderes Herkunftsland in Deutschland. Und das Team schreibt selbst, dass die echte Zahl höher liegt, weil einzelne Museen bei genauerem Hinsehen etwa doppelt so viel hatten, wie ihre eigenen Verzeichnisse auswiesen.
Die Zahl, die daneben steht, macht es erst deutlich. Das Nationalmuseum in Jaunde besitzt rund 6.000 Objekte. Einzelne deutsche Häuser haben mehr kamerunisches Material als der Staat Kamerun selbst.
Viele dieser Sachen kamen bei Strafexpeditionen gegen Gemeinschaften ins Land, die sich der deutschen Herrschaft widersetzt hatten, unter anderem gegen die Nso und die Bangwa.
An der schieren Menge allein liegt es trotzdem nicht. Was sie aber erklärt, ist, wo ein Fehler sich verstecken kann. In 41.000 Objekten hat eine fehlende Liste viel mehr Platz als in einem Dutzend, und es dauert länger, bis jemand sie vermisst.
Die Göttin, die seit vier Jahren gehen darf
Der bekannteste Einzelfall ist die Ngonnso‘, eine 92 Zentimeter hohe Holzfigur, über und über mit Kaurimuscheln besetzt. Die Nso im Nordwesten Kameruns verehren sie als Gründerin ihres Reiches, das im 14. Jahrhundert entstand.
Schon wer sie mitgenommen hat, ist strittig. Die kamerunische Aktivistin Sylvie Njobati sagt in einem Interview mit nd-aktuell vom April 2026, die Figur sei 1902 vermutlich von Hans Houben bei einer Strafexpedition aus dem Königspalast der Nso entwendet und im Jahr darauf von Oberst Curt von Pavel nach Deutschland gebracht worden. Das Ethnologische Museum selbst nennt Houben nicht. Es nennt von Pavel, datiert die Schenkung auf 1903 und schreibt, die genauen Umstände der Aneignung seien nicht klar. Dasselbe Museum hält fest, dass von Pavel Ende 1901 einen Feldzug gegen die Bafut geführt hatte, bei dem über tausend Menschen starben, und dass er 1903 aus Kamerun abberufen wurde, weil er sich Befehlen widersetzt hatte.
Am 27. Juni 2022 ermächtigte der Stiftungsrat der Stiftung Preußischer Kulturbesitz seinen Präsidenten, eine Rückgabevereinbarung zu schließen. Die Mitteilung des Museums sagte, der Weg sei frei.
Kameruns Regierung richtete daraufhin eine eigene Rückgabekommission ein, und die setzte eine Bedingung. Rückgaben sollten alle Regionen des Landes erreichen und nicht bei einer prominenten Figur haltmachen. Was folgte, waren Treffen zwischen Museen, Landesregierungen und dieser Kommission. Was nicht folgte, war eine Rückgabe.
Njobati selbst nennt den Prozess vier Jahre später ins Stocken geraten. Und sie benennt die Bedingung der abgestimmten Rückgabe als einen Teil des Grundes. Das ist bemerkenswert, weil sie damit auf die eigene Seite zeigt.
Der Durchbruch, der nicht losfuhr
Vom 23. Juni bis zum 1. Juli 2025 war Kameruns staatliches Restitutionskomitee auf Einladung des Auswärtigen Amts in Deutschland und sprach mit Museen und Landesregierungen in München, Stuttgart, Bremen und Berlin. Der Blog Dekolonial Erinnern hat am 3. Juli 2025 aufgelistet, was Haus für Haus vereinbart wurde. Material aus Küstenregion und Waldland im Museum Fünf Kontinente in München, die Ngonnso‘ im Ethnologischen Museum, die 28 Nso-Objekte im Linden-Museum, Objekte aus Tibati im Übersee-Museum Bremen, dazu womöglich zwei weitere Nso-Stücke an der Universität Mainz. Alle vier großen Kulturregionen waren abgedeckt. Im September sollte alles gemeinsam reisen.
Nach einem Bericht des zwd Politikmagazins vom 30. Juli 2026 scheiterte es daran, dass Kameruns Regierung die Liste der Objekte nicht lieferte, die sie zurückhaben wollte.
Wem die Sachen eigentlich gehören
Die andere Hälfte des Problems stand schon in dem Beitrag vom Juli 2025, der den Durchbruch verkündete. Zwei der größten beteiligten Sammlungen, in München und in Bremen, gehören weder den Museen noch dem Bund. Sie gehören den Ländern Bayern und Bremen, und keines der beiden hatte einen Beschluss gefasst. Bayern könnte direkt zurückgeben. Bremen müsste dafür erst ein dringendes Interesse feststellen. So oder so liegt die Entscheidung bei einer Landesregierung, die am Verhandlungstisch gar nicht saß.
Und genau da wird es deutsch. Die Bundesrepublik kann eine Rückgabe zusagen, ohne dass ihr gehört, was zurückgehen soll. Man kann sich in einem Raum über fast alles einigen und trotzdem nichts verschicken, weil die Unterschrift woanders fehlt.
Seit März 2026 gibt es deshalb einen Koordinierungsrat für Rückgaben aus kolonialen Kontexten, angesiedelt beim Auswärtigen Amt. Herkunftsstaaten sollen künftig eine Adresse haben statt vieler. Am Geld liegt es ohnehin nicht, das habe ich im Beitrag zur Restitution kolonialer Raubkunst aufgeschrieben. Der Restitutionsfonds im Kulturetat steht mit 600.000 Euro da und war bis Juli 2026 unangetastet.
Kritisch hinterfragt
Drei Sachen an dieser Geschichte passen nicht zueinander, und ich fange mit der an, die mich selbst betrifft.
Ich habe für diesen Text keine einzige Quelle aus Kamerun gelesen, die nicht über eine deutsche oder eine deutschsprachige Station zu mir gekommen wäre. Was ich von Njobati weiß, weiß ich aus einem Interview in einer deutschen Zeitung. Was ich über die Vereinbarungen von 2025 weiß, weiß ich aus einem deutschen Blog. Die kamerunische Presse hat darüber berichtet, ich zitiere sie hier aber nicht, weil ich die Berichte nicht selbst gelesen habe. Wenn ich also schreibe, die Liste sei auf kamerunischer Seite hängengeblieben, dann ist das die deutsche Erzählung des Vorgangs. Auflösen würde das ein Dokument der kamerunischen Seite, in dem steht, woran es dort lag. Ich habe keins gefunden.
Zweitens ist dieser Weg auffallend oft für frei erklärt worden. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz sagte im Juni 2022, er sei frei. Deutsche und kamerunische Stellen nannten die Gespräche im Juni 2025 einen Durchbruch. Keine dieser Aussagen war falsch. Auf keine folgte, dass ein einziges Objekt ein deutsches Gebäude verlassen hätte. Entweder beschrieben die Ankündigungen mehr Fortschritt, als tatsächlich gesichert war, oder in der Umsetzung wird ein Verfahren immer wieder zurückgesetzt, das immer wieder als abgeschlossen verkündet wird. Auflösen würde das eine gemeinsame, datierte Aufstellung beider Regierungen darüber, welche Vereinbarungen von 2022, 2024 und 2025 noch gelten. Veröffentlicht ist keine.
Drittens der Punkt mit der Figur. Der ausführlichste Bericht darüber, wie die Ngonnso‘ nach Berlin kam, nennt einen Mann, den das besitzende Museum in seiner eigenen Darstellung nicht erwähnt. Das Museum sagt, die Umstände seien unklar. Eine Figur, deren Rückgabe seit vier Jahren vereinbart ist, trägt also immer noch zwei Aneignungsgeschichten, die sich gegenseitig ausschließen. Auflösen würde das die Akte der Expedition von 1902, falls sie in den Kolonialbeständen erhalten ist.
Was offen bleibt
Kameruns Fall ist keine Geschichte von einer Verweigerung. Er ist der Fall, in dem ein fairer Anspruch, nämlich dass alle Regionen des Landes etwas zurückbekommen, mehr Abstimmung braucht, als beide Seiten an Verwaltung dafür gebaut haben. Vier Jahre nach dem Beschluss zur Ngonnso‘ ist diese Verwaltung nicht fertig, und ein Fonds, der für genau das da wäre, ist unberührt.
Was mich daran beschäftigt, ist die Sorte Stillstand, die niemand zu verantworten hat. Es gibt keinen Schuldigen in dieser Geschichte, nur eine Zuständigkeit, die zwischen einem Bundesministerium, zwei Landesregierungen, elf Museen und einer Kommission in Jaunde immer gerade woanders liegt.
Wenn ein Weg so oft für frei erklärt wurde, ohne dass sich etwas bewegt, woran würdest du dann merken, dass er es wirklich ist? Schreib mir, was für dich der ehrliche Maßstab wäre.
Diesen Beitrag gibt es auch auf Englisch.
Quellen
- Albert Gouaffo und Bénédicte Savoy (Hrsg.), „Atlas der Abwesenheit. Kameruns Kulturerbe in Deutschland“, Reimer Verlag, Berlin 2023. Zahlen nach der Pressemitteilung der TU Berlin zum Projekt, Juli 2023
- Staatliche Museen zu Berlin, „Ethnologisches Museum: Weg frei für die Rückgabe der Ngonnso‘ nach Kamerun“, 27. Juni 2022
- Staatliche Museen zu Berlin, „Ngonnso‘: Gründungsmutter der Nso“, Blog Museum and the City
- Sylvie Njobati im Interview, „Rückgabe der sakralen Ngonnso: Stockender Restitutionsprozess“, nd-aktuell, 1. April 2026
- Dekolonial Erinnern, „Historischer Durchbruch für deutsche Restitutionspolitik zu kolonialen Kontexten“, 3. Juli 2025
- Ulrike Günther, „Schleppende Rückgaben: SPK erwartet Ansprüche von Staaten“, zwd Politikmagazin, 30. Juli 2026









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