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7. August 2026Selbstzensur im Alltag: Warum ich in meinem eigenen Umfeld auf meine Wörter achte
Ich habe neulich mitten im Satz gestockt. Nicht weil mir das Wort gefehlt hätte. Sondern weil ich kurz durchgerechnet habe, wie es ankommen könnte.
Das war kein Interview. Keine Bühne. Kein Kommentarbereich, in dem Fremde auf einen Fehler lauern. Es war ein Cocktailabend mit Freunden. Menschen, die wissen, wie ich denke, wie ich meine, was ich sage.
Und genau das hat mich beschäftigt, lange nachdem der Abend vorbei war. Mal wieder. Ich passe mittlerweile in meinem eigenen Umfeld auf, welche Wörter ich benutze. Nicht weil ich etwas Böses sagen will. Sondern weil ich nicht mehr sicher weiß, welches Wort heute schon als „Anklage“ gelesen wird.
Vielleicht kennst du das. Dieses kurze innere Abwägen, bevor du ein Thema anschneidest. Diese halbe Sekunde, in der du prüfst, ob das Wort, das dir auf der Zunge liegt, noch das bedeutet, was du meinst. Oder ob es inzwischen etwas anderes bedeutet, ohne dass dich jemand gefragt hätte. Ein unsichtbares Minenfeld ..
Selbstzensur beginnt nicht mit Verboten
Wenn wir über Selbstzensur reden, denken viele an große Szenarien. An Staaten, die Bücher verbieten. An Redaktionen, die Texte streichen. An Menschen, die für ihre Meinung ins Gefängnis gehen.
Aber Selbstzensur im Alltag sieht anders aus. Sie beginnt viel leiser.
Sie beginnt mit dem kleinen Zögern vor einem Wort. Mit dem Gedanken „das Thema lasse ich heute lieber weg“. Mit Gesprächen, die gar nicht erst stattfinden, weil das Risiko höher wirkt als der Gewinn. Niemand hat dir etwas verboten. Du hast nur gelernt, dass bestimmte Wörter Reaktionen auslösen, die mit dem, was du sagen wolltest, nichts mehr zu tun haben.
Ich merke das an mir selbst. Ich rede vorsichtiger. Ich rede vorallem weniger. Und bei manchen Themen rede ich gar nicht mehr, schon gar nicht in größeren Runden. Nicht weil ich meine Gedanken für falsch halte. Sondern weil ich keine Lust habe, einen Abend damit zu verbringen, ein einzelnes Wort zu verteidigen, während der eigentliche Gedanke ungehört auf dem Tisch liegen bleibt und man anschließend in einem Streit auseinander geht.
Das Verrückte daran: Die meisten Menschen in meinem Umfeld (denke ich jedenfalls) meinen es nicht böse. Sie sind nicht auf Streit aus. Sie haben nur gelernt, in Wörtern Absichten zu hören, die gar nicht da sind. Und ich frage mich seit einer Weile, woher dieses Training eigentlich kommt.
Haben wir selbst den Grundstein gelegt, ohne es mitzubekommen? Haben wir uns vielleicht selbst so trainiert? Waren wir vielleicht immer so frei in unserer Meinung, dass uns unsere Meinungsfreiheit am Ende zum Verhängnis geworden ist?
Keine Ahnung. Aber die Fragen lassen mich nicht los, und ich glaube, sie gehören in diesen Text.
Wenn neutrale Wörter zu Signalen werden
Es trifft dabei nicht mal nur die harten Wörter. Es trifft ganz besonders die neutralen.
Sag heute in bestimmten Runden „einordnen“ oder „aushalten“ und du fällst bei manchen sofort aus der Glaubwürdigkeit. Nicht wegen dem, was du meinst. Wegen dem, wonach es klingt. Diese Wörter waren mal Werkzeuge. Etwas einordnen hieß: Kontext herstellen, Zusammenhänge zeigen, ein Ding neben andere Dinge legen, damit man es besser versteht. Etwas aushalten hieß: eine Spannung ertragen können, ohne sofort ein Urteil zu brauchen.
Inzwischen funktionieren solche Wörter für viele wie Erkennungszeichen. Wer „einordnen“ sagt, wird selbst einsortiert, bevor er seinen Satz beendet hat. Du wolltest einordnen. Jetzt bist du eingeordnet.
Und das ist kein Einzelfall. Es gibt eine ganze Reihe von Begriffen, die diesen Weg gegangen sind. Wörter, die vor wenigen Jahren noch unverdächtig waren und heute wie ein Parteiabzeichen wirken. Das Tückische daran: Es gibt keine offizielle Liste. Niemand sagt dir, welches Wort gerade gekippt ist. Du merkst es erst am Gesicht deines Gegenübers…
Genau da entsteht das Minenfeld, von dem ich am Anfang gesprochen habe. Ein Minenfeld ohne Karte. Und wer ohne Karte durch ein Minenfeld geht, bewegt sich irgendwann gar nicht mehr.
Ein Muster, das dieses Land gut kennt
Dass einzelne Wörter Menschen sortieren, bevor der Inhalt eine Chance bekommt, ist übrigens kein neues Phänomen. Deutschland hat dafür Beispiele, die viele Familien bis heute selbst erzählen können.
Nach der Wiedervereinigung reichte oft ein einziges Wort, um jemanden einzusortieren. Wer „Broiler“ sagte statt Brathähnchen, „Plaste“ statt Plastik, „Pfannkuchen“ statt Berliner, hatte seine Herkunft offengelegt, ohne ein Wort über sich selbst zu verlieren. Am schönsten sieht man es an der Uhrzeit. Sag „Viertel nach zwei“ und du kommst eher aus dem Westen. Sag „Viertel drei“ und dein Gegenüber weiß sofort: Osten. Und mit der Herkunft kamen die Zuschreibungen gleich mit. Da wurde aus einem Wort im Bewerbungsgespräch ein leiser Minuspunkt. Aus einer Vokabel am Telefon eine Schublade. Aus einem Begriff auf einer Party ein ganzes vermutetes Weltbild.
Das Entscheidende dabei: Keines dieser Wörter war eine Meinung. „Pfannkuchen“ ist keine politische Aussage. Es ist ein Gebäck. Und trotzdem funktionierten solche Wörter jahrelang wie Abzeichen, die man nicht abnehmen konnte, weil man sie gar nicht bewusst trug.
Ich kenne das übrigens nicht nur aus Erzählungen. Ich erlebe es selbst, bis heute, mit meinem sächsischen Dialekt. Vor allem bei der Familie in Westdeutschland wird geschmunzelt, wenn ich rede. Man macht sich ein bisschen lustig, nie böse gemeint, immer mit einem Lächeln. Und ich will wirklich niemandem etwas unterstellen. Aber vom Gefühl her passiert da noch etwas anderes: Mit dem Schmunzeln über den Klang wandert leise auch ein Urteil über den Inhalt mit. Als würde das, was ich sage, ein Stück weniger fachlich klingen, nur weil es sächsisch klingt.
Das ist genau der Mechanismus, um den es in diesem Text geht. Niemand hat meine Argumente geprüft. Die Sortierung war schneller.
Viele Menschen aus dem Osten haben nach der Wende genau das gemacht, worüber ich hier schreibe. Sie haben ihre Wörter umtrainiert, manche sogar ihren Dialekt. Ich habe sogar Freunde, die über Jahre mir Sprachübungen beabsichtigt ihren Dialekt wegtrainiert haben.
Nicht weil die alten Wörter falsch gewesen wären, sondern weil sie gelernt hatten, was die alten Wörter bei ihrem Gegenüber auslösten, was Dialekte auslösten. Das war und ist Selbstzensur im Alltag, lange bevor irgendjemand über Podcasts diskutiert hat.
Und dabei habe ich über mein afrodeutsches Aussehen noch gar nicht gesprochen. Damit verschiebt sich nämlich alles noch einmal in eine andere Richtung. Da geht es dann nicht mehr nur darum, wie ich klinge, sondern in aller erster Linie darum, wie ich aussehe, bevor ich überhaupt einen Ton gesagt habe. Aber genau dieses Fass mache ich hier nicht auf. Nicht weil es nichts zu sagen gäbe. Sondern weil ich im Hinterkopf schon wieder die Sätze höre, die dann kommen: „Jetzt fang du nicht auch noch an.“ „Haben dich die Links-Grünen auch schon im Griff?“ Und von der anderen Seite: „Damit trägst du nur zur Spaltung bei.“ „Dass ausgerechnet du das mit deinem Hintergrund nicht ansprichst, sagt ja schon aus, welches Gedankengut du hast.“ etc, etc. Also schweige ich. Egal, was ich sage, irgendjemand hat schon entschieden, aus welchem Lager es kommt.
Wenn du also das nächste Mal merkst, dass ein einzelnes Wort in einer Runde die Temperatur verändert, dann erlebst du kein neues Phänomen. Du erlebst ein sehr altes Erkennungszeichen in neuem Gewand.
Preußen und die Sprache als Statusabzeichen
Ein zweites Beispiel, näher an dem, was ich sonst auf einen meiner Youtubekanäle mache.
Am preußischen Hof des 18. Jahrhunderts war Französisch die Sprache der Gebildeten. Friedrich II. schrieb seine Briefe und seine philosophischen Texte auf Französisch, holte sich mit Voltaire einen der berühmtesten französischen Denker seiner Zeit nach Sanssouci und machte aus seiner Geringschätzung für die deutsche Sprache keinen Hehl. Deutsch galt in diesen Kreisen als Sprache für den Stall und die Küche, Französisch als Sprache für den Geist.
Auch hier ging es nicht um Inhalte. Ein kluger Gedanke wurde nicht klüger, wenn man ihn auf Französisch aussprach. Aber die Sprache funktionierte als Abzeichen. Wer Französisch sprach, signalisierte Bildung, Weltläufigkeit, Zugehörigkeit zur richtigen Schicht. Wer es nicht konnte, war draußen, egal wie klug seine Gedanken waren.
Das Muster ist dasselbe wie nach der Wiedervereinigung, nur mit anderen Vorzeichen. Sprache sortiert Menschen, bevor der Inhalt eine Chance bekommt.
Und wenn ich ehrlich bin: Genau das passiert heute wieder, nur schneller. Neu ist nicht das Muster. Neu ist das Tempo, in dem ein Wort vom Werkzeug zum Abzeichen wird. Was früher Generationen brauchte, schafft eine aufgeregte Öffentlichkeit heute in wenigen Monaten.
Empörung ist ein Geschäftsmodell
Womit wir bei der Frage wären, die mich eigentlich umtreibt. Woher kommt dieses Training? Warum haben so viele Menschen gelernt, in Wörtern zuerst nach der Gesinnung zu suchen und erst danach, wenn überhaupt, nach dem Gedanken?
Ein Teil der Antwort liegt in Formaten, die von Empörung leben. Ich meine damit keine bestimmte Sendung und keine bestimmte politische Richtung, das Muster gibt es in alle Richtungen. Jede Folge ein neuer Aufreger. Jede Woche ein neues Wort, das angeblich etwas über dich verrät. Jede Debatte zugespitzt auf die Frage, wer sich gerade wieder unmöglich gemacht hat.
Die Logik dahinter ist einfach und ziemlich ehrlich, wenn man sie einmal sieht. Aufmerksamkeit ist die Währung. Und nichts bindet Aufmerksamkeit zuverlässiger als das Gefühl, angegriffen zu werden. Ein Format, das dir jede Woche zeigt, wer dich verachtet, welche Wörter gegen dich verwendet werden und welche Gruppe gerade wieder eine Grenze überschritten hat, hat dich sicherer an sich gebunden als jedes Format, das dich zum Nachdenken bringt.
Wer davon lebt, dass du dich aufregst, hat kein Interesse daran, dass du verstehst. Verstehen beruhigt. Und Ruhe klickt nicht.
Das ist keine Verschwörung, dafür braucht es keine Absprache in Hinterzimmern. Es reicht, dass Empörung messbar besser funktioniert als Differenzierung. Der Rest ergibt sich von selbst, Folge für Folge, Clip für Clip.
Aber vielleicht greift es zu kurz, nur auf die Formate zu zeigen. Sie senden ja nicht ins Leere. Sie bedienen etwas, das wir mitgebracht haben. Vielleicht haben wir den Grundstein tatsächlich selbst gelegt, in all den Jahren, in denen jede Meinung sofort raus musste, ungefiltert, in jede Kommentarspalte, zu jedem Thema. Vielleicht haben wir uns selbst darauf trainiert, dass hinter jedem Wort eine Position stecken muss. Und jetzt wundern wir uns, dass andere unsere Wörter genau so lesen.
Was das mit unserem Kopf macht
Jetzt könnte man sagen: Dann hör halt nicht zu. Aber so einfach ist es nicht, und das ist der Teil, der mich als jemanden interessiert, der ständig fragt, warum wir sind, wie wir sind.
Unser Gehirn ist ohnehin darauf gebaut, Bedrohungen stärker zu gewichten als Entwarnungen. Wer in der Geschichte unserer Art eine Gefahr übersah, bezahlte teurer als jemand, der einmal zu oft Alarm schlug. Diese Schieflage tragen wir bis heute mit uns herum. Negative Information bleibt besser hängen, wird schneller geteilt und fühlt sich wichtiger an als positive.
Wenn nun Formate, die wir täglich hören, diese Schieflage gezielt bedienen, passiert etwas Schleichendes. Wir trainieren einen Muskel, ohne es zu merken. Den Muskel, der in jedem Wort zuerst die mögliche Beleidigung sucht. Den Muskel, der bei jedem Begriff fragt, aus welchem Lager er wohl kommt. Den Muskel, der Menschen anhand ihrer Vokabeln sortiert, bevor sie ihren zweiten Satz gesagt haben.
Und dieser Muskel bleibt nicht im Podcast. Er kommt mit an den Abendbrottisch. Er sitzt mit im Freundeskreis. Er hört mit, wenn deine Mutter, dein Kollege, deine beste Freundin etwas sagt.
Ich glaube deshalb nicht, dass wir als Gesellschaft empfindlicher geworden sind. Ich glaube, wir sind trainiert worden, in jedem Wort einen Angriff zu suchen. Und wer Angriffe sucht, findet sie. Immer.
Rücksicht und Angst sind nicht dasselbe
Jetzt der Punkt, an dem ich vorsichtig sein will, auch mit mir selbst.
Es wäre billig, aus alldem zu machen: Früher durfte man noch alles sagen, heute darf man gar nichts mehr. Das stimmt so nicht, und es war auch früher nicht so, dass Sprache folgenlos war. Wörter konnten immer verletzen, und dass wir heute über manche Begriffe anders nachdenken als vor fünfzig Jahren, ist nicht nur Verlust. Manches davon ist schlicht Rücksicht, und Rücksicht ist keine Schwäche.
Der Unterschied, um den es mir geht, liegt woanders. Rücksicht heißt: Ich wähle meine Worte, weil ich mein Gegenüber sehe. Angst heißt: Ich wähle meine Worte, weil ich das Urteil fürchte, das schon feststeht, bevor ich spreche.
Rücksicht macht Gespräche besser. Angst beendet sie, bevor sie anfangen.
Und was ich gerade in meinem Umfeld beobachte, ist immer öfter das Zweite. Nicht der Wunsch, einander nicht zu verletzen. Sondern die Sorge, an einem einzelnen Wort erkannt, einsortiert und abgeschrieben zu werden. Das ist keine Kultur der Rücksicht. Das ist eine Kultur der Erkennungszeichen.
Was ich daraus mitnehme
Habe ich eine Lösung? Nein und ich misstraue ehrlich gesagt jedem, der bei diesem Thema eine hat. Aber zwei Dinge weiß ich für mich.
Ich will nicht aus Trotz verletzend reden, nur um zu beweisen, dass ich es noch darf. Wer absichtlich Wörter benutzt, von denen er weiß, dass sie wehtun, hat nicht die Freiheit verteidigt, sondern nur einen Vorwand gefunden.
Und ich will nicht verstummen, nur weil jedes Wort ein Risiko geworden ist. Denn das ist der eigentliche Preis dieses Trainings. Nicht die hitzigen Debatten, die sind laut und sichtbar. Sondern die leisen Gespräche, die einfach nicht mehr stattfinden. Die Fragen, die keiner mehr stellt. Die Gedanken, die im Kopf bleiben, weil das Minenfeld keine Karte hat.
Vielleicht ist das der Anfang eines Auswegs: Wörter wieder als Werkzeuge behandeln und nicht als Abzeichen. Nachfragen, was jemand meint, bevor wir entscheiden, wer er ist. Den Muskel trainieren, der zuerst den Gedanken sucht und nicht den Angriff.
Wenn wir nur noch reden, um nichts falsch zu machen, sagen wir irgendwann gar nichts mehr.
Bei welchem Wort hast du zuletzt gezögert, es auszusprechen?
Quellen gibt es heute keine. Alls Gedanken die aus meinem Gehirn stammen. 😌
KardiKassin
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