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23. Oktober 2026Wie ein falscher Satz die Quellenkritik dieses Blogs auf die Probe stellte
6 Minuten Lesezeit, und du erfaehrst, warum aus einem Satz ueber einen Berufsstand fast ein falscher Satz ueber einen einzelnen Archaeologen geworden waere.
Quellenkritik klingt trocken, bis sie an einem selbst haengenbleibt. Im August habe ich in einem Entwurf geschrieben, der Archaeologe Peter Garlake sei eingesperrt und aus dem Land ausgewiesen worden, in dem er seine ganze Karriere verbracht hatte. Klang gut. Garlake hatte jahrzehntelang eine unbequeme Erklaerung zu Great Zimbabwe gegen eine Regierung verteidigt, die eine andere wollte, da passten Gefaengnis und Ausweisung genau ins Bild.
Worueber ich jetzt selbst fast lachen koennte? Es stimmte nur nicht. Er ist zurueckgetreten und freiwillig ausgereist. Der Satz stammte aus einer Stelle ueber „Archaeologen wie den bekannten Peter S. Garlake“, also einem Satz ueber eine Gruppe, den ich auf einen einzelnen Namen gedehnt hatte (Pikirayi, 2012). Aufgefallen ist das noch vor der Veroeffentlichung, nicht weil ich das an dem Tag zufaellig direkt gesehen habe, sondern weil es fuer genau diesen Fall eine feste Regel gibt. Eine Aussage ueber eine benannte Person uebersteht nur, wenn die Quelle wirklich von dieser Person handelt, und im Idealfall einer zweiten Quelle standhaelt. Ein Satz ueber einen Berufsstand wird nicht automatisch zu einem Satz ueber eine einzelne Person, nur weil der Name im selben Absatz steht.
Diese Korrektur ist der Grund, warum es diesen Beitrag ueberhaupt gibt. Die berechtigte Frage ist, warum man einem Blog vertrauen sollte, den eine einzelne Person betreibt und der die Geschichte eines ganzen Kontinents samt seiner Beruehrungspunkte mit Deutschland abdeckt. Es ist quasi eine kleine Sammlung von Arbeitsregeln, die meisten davon entstanden, weil vorher etwas schiefging.
Wenige Quellen, im Schnitt drei bis fuenf
Mehr Quellen waeren auch gut, im Schnitt komme ich aber auf etwa drei bis fuenf. Das ist keine Abkuerzung, eher das Gegenteil. Davon laesst sich jede lesen und ueberpruefen, von wem sie stammt. Bei zehn oder zwanzig stimmt das nicht mehr, dann wird aus der Quellenliste Dekoration. Sie sieht gruendlich aus, aber niemand, auch ich nicht, hat wirklich nachgeprueft, ob jeder Satz das hergibt, was der Beitrag behauptet.
Die Grenze wird gehalten, indem Behauptungen wegfallen, nicht Quellen. Muss eine Quelle raus, faellt der Satz mit weg, den nur sie getragen hat. Ich versuche das herauszufiltern, was nur schmueckt. Dazu zaehlen Vergleiche mit anderen Laendern, exakte Gruendungsdaten von Gremien, Nebenschauplaetze.
Beim Kamerun-Beitrag dieses Blogs zeigte sich, warum diese Reihenfolge wichtig ist. Der erste Entwurf stand bei zehn Quellen. Beim Kuerzen auf sechs kamen zwei weitere Stellen zum Vorschein, die zwar im Text standen, aber auf keiner der verbliebenen Quellen wirklich beruhten, eine zur baden-wuerttembergischen Beschlusslage, eine zur Entschuldigung des Bundespraesidenten. Beide sind raus. Ohne die Grenze waeren sie stehengeblieben, weil eine ordentliche Quellenliste unter einem falsch zugeordneten Satz solider aussieht als gar keine.
Moderne Forschende werden ausgewertet, nicht zitiert
Woertliche Zitate versuche ich nur einzubinden, wenn es sich wirklich so zurueckverfolgen laesst.
Genau an dieser Regel ist der Garlake-Satz zerbrochen. Eine Sammelaussage ueber „Archaeologen“ war zu einer konkreten Aussage ueber einen einzelnen geworden, und das ist ein anderer Satz mit einer anderen Quellenanforderung. Sobald ein Name an einer Behauptung haengt, muss die Quelle von dieser Person handeln, nicht von der Gruppe, zu der sie zufaellig gehoerte. Wie diese Regel bei Great Zimbabwe selbst greift, steht in Great Zimbabwe Erbauer.
Kritisch hinterfragt
Der Garlake-Fehler ist die saubere Version dieser Geschichte, ein Irrtum wurde abgefangen, eine Regel hat funktioniert. Ein unordentlicheres Beispiel zeigt die Grenzen der Methode ehrlicher.
2020 werteten die Historikerinnen und Historiker Bettina Brockmeyer, Frank Edward und Holger Stoecker tansanische, deutsche und britische Akten zum Schaedel des Hehe-Fuehrers Mkwawa aus, den Deutschland 1954 als Geste zu Artikel 246 des Versailler Vertrags an Tanganjika zurueckgab. Sie kamen zu einem klaren Ergebnis. Der 1954 uebergebene Schaedel war aller Wahrscheinlichkeit nach nicht seiner. Eine Geschichte, die um ein benanntes Objekt, einen benannten Vertragsartikel und eine benannte Zeremonie gebaut ist, ruht auf einer Identifikation, die niemand wirklich bestaetigen kann. Mkwawas Schädel erzaehlt das ausfuehrlich.
Fuer einen Beitrag, der von der Dramatik der Rueckgabe selbst lebt, ist dieser Befund unbequem, und es waere leicht gewesen, ihn wegzulassen oder in einer Fussnote zu verstecken. Er ist stehen geblieben, weil dieselbe Regel, die anderen Leuten Fehler nachweist, auch hier gelten muss. Eine Quelle nur dann ernst zu nehmen, wenn sie gerade passt, ist keine Ehrlichkeit, das ist Auswahl.
Eine Quelle nur dann ernst zu nehmen, wenn sie gerade passt, ist keine Ehrlichkeit, das ist Auswahl.
Die Methode hat trotzdem ihre eigenen blinden Flecken. Drei bis fuenf Quellen im Schnitt bedeuten, dass echte, andauernde Streitfragen zwischen Historikerinnen und Historikern oft gar nicht erst in den Text schaffen, weil kein Platz bleibt, beide Seiten sauber darzustellen. Die schwierigere Entscheidung ist dann nicht, was stimmt, sondern welcher Streit fuer den Platz weichen muss. Das waere dann eher die Auswahl. Und ich versuche wirklich, eigene Emotionen bei solchen Thematiken herauszulassen. Dafuer ist dann Platz in den Fachartikeln, Zeitschriften oder eben Buechern.
Moderne Forschende auszuwerten statt zu zitieren schuetzt vor Fehlzitaten, bedeutet aber auch, dass sich der genaue Satz einer Autorin nicht mehr nachpruefen laesst, nur die Quellenangabe dahinter. Und mal ehrlich? Nachlesen tun’s ohnehin die wenigsten. Ist mein Blog deshalb neutral? Wohl kaum, aber ich bin immerhin bestrebt, andere Perspektiven zugaenglich zu machen. Welche Themen vorkommen, welche Kategorien es gibt und welcher Widerspruch als erwaehnenswert markiert wird, das sind alles meine eigenen Entscheidungen. Ob die afrodeutschen Fragen hinter diesem Blog fuer mich selbst irgendwann persoenlich wurden, ist fuer keinen einzelnen Beitrag entscheidend, aber es ist nicht unwichtig dafuer, warum diese Regeln ueberhaupt existieren. Regeln halte ich am zuverlaessigsten ein, wenn ich selbst etwas zu verlieren habe, sollte ich sie brechen.
Was das fuer dich als Leser bedeutet
Nichts davon macht den naechsten Beitrag immun gegen einen falschen Satz. Quellen werden falsch gelesen, Namen verwechselt, eine Auswertung driftet von dem ab, was eine Quelle wirklich sagt. Was diese Regeln aendern, ist kleiner und konkreter. Es gibt eine feste Stelle, an der ein falscher Satz eigentlich auffliegen soll, und eine feste Stelle, genau hier, an der du sehen kannst, wie es aussieht, wenn das funktioniert und wenn nicht.
Wer die laengere Fassung dieses Arguments sucht, angewendet auf das Bild eines ganzen Kontinents statt auf die Fussnoten eines einzelnen Blogs, findet sie in meinem kostenlosen E-Book „Made in Germany“, wie das eigene Afrikabild entstanden ist, zu finden unter https://kardikassin.com/made-in-germany/
Faellt dir selbst manchmal auf, wenn eine Aussage ueber eine Gruppe unterwegs zu einer Aussage ueber eine Person geworden ist?
Diesen Beitrag gibt es auch auf Englisch, A Wrong Sentence About a Man Who Was Already Dead.
Mein kostenloses E-Book zeigt, wie das europaeische Bild von Afrika ueberhaupt erst zusammengesetzt wurde, und mit welchen Pruefregeln du es selbst auseinandernehmen kannst.
- Innocent Pikirayi, „Peter Garlake (1934 to 2011), Great Zimbabwe and the politics of the past in Zimbabwe“, Azania: Archaeological Research in Africa 47(2), 2012.
- Bettina Brockmeyer, Frank Edward und Holger Stoecker, „The Mkwawa complex: A Tanzanian-European history about provenance, restitution, and politics“, Journal of Modern European History 18(2), 2020, S. 117-139.
- Friedensvertrag zwischen den alliierten und assoziierten Maechten und Deutschland, Artikel 246, Versailles, 1919.






