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7. Oktober 2026Lieber rot als tot? Die Frage von 1987, die der Krieg in der Ukraine zurückgebracht hat
Drei Minuten, dann weißt du, warum eine Debatte von 1987 nach Moskau, Kiew und Berlin passt wie kaum eine andere.
Kardi Kassin · 7. Oktober 2026 · 3 Min. Lesezeit · 3 Quellen
Aus demselben Buch aus dem Bibkeller, in dem ich letzte Woche über politischen Moralismus gestolpert bin, hab ich mir jetzt den ersten Vortrag vorgenommen. Der steht ganz am Anfang und stammt von Werner Becker: „Die nukleare Abschreckung als Problem der Ethik“, gehalten 1987.
Das Problem mit der Drohung
Beckers Ausgangspunkt ist ein Widerspruch, der bis heute nicht aufgelöst wird. Eine Drohung funktioniert nur, wenn die Gegenseite glaubt, dass man sie im Ernstfall auch wahrmacht. Bei Atomwaffen heißt das also, Abschreckung braucht die Bereitschaft, sie im Zweifel wirklich einzusetzen. Gleichzeitig sagt fast jede ethische Position, ein tatsächlicher Einsatz wäre nicht zu rechtfertigen.
Wenn aber jeder denkbare Einsatz als moralisch verboten gilt, verliert die Drohung ihre Glaubwürdigkeit, und damit ihren Sinn.
Beckers Lösung dafür läuft über eine Unterscheidung, nämlich, dass nicht jeder denkbare Einsatz gleich verwerflich sein muss. Bleibt Raum für eine begrenzte, am Prinzip der Schadensbegrenzung gemessene Reaktion, bleibt auch die Abschreckung glaubwürdig, ohne dass man jeden erdenklichen Einsatz gutheißen müsste. Der Satz „Lieber rot als tot“ lehnt er dabei ausdrücklich ab, nicht weil er die Gefahr kleinredet, sondern weil dieser Satz keine Garantie gegen einen Krieg aus anderen Gründen ist.
Interessant fand ich, wie viele unterschiedliche Stimmen Becker in dieser Debatte auflistet: den Philosophen Karl Jaspers mit seiner frühen Warnschrift von 1958, den Bestseller-Autor Jonathan Schell, der Jaspers Position Jahrzehnte später populär gemacht hat, und kirchliche Stellungnahmen, die evangelische und katholische Kirche kamen dabei zu unterschiedlichen Schwerpunkten.
Drei Gründe, warum diese Debatte gerade wieder da ist
Ich denk, der erste Grund ist die Ukraine. Russland besitzt Atomwaffen. Trotzdem hat sich die Ukraine davon bislang nicht abhalten lassen weiterzukämpfen. Das ist historisch eher ungewöhnlich, bisher hat allein der Besitz von Atomwaffen meistens gereicht, um einen direkten Angriff auf das eigene Land zu verhindern.
Der zweite Grund ist eine Idee, die man „Escalate to de-escalate“ nennt: ein begrenzter, taktischer Atomwaffeneinsatz, nicht um den Gegner zu vernichten, sondern um ihn zum Aufgeben zu zwingen. Ursprünglich wurde das vor allem Russland zugeschrieben. Meines Wissens nach taucht dieser Gedanke inzwischen aber auch in westlichen Strategiedebatten auf. Das ist aus meiner Sicht das Gegenteil von dem, was Becker sich vorgestellt hat: Er wollte den tatsächlichen Einsatz möglichst unwahrscheinlich und begrenzt halten. Diese Doktrin macht einen begrenzten Einsatz dagegen zu einem Baustein der eigenen Strategie.
Der dritte Grund ist Europa selbst. Bundeskanzler Merz hat erste Gespräche mit Frankreichs Präsident Macron über eine europäische nukleare Abschreckung begonnen, Polens Präsident hat öffentlich über ein eigenes polnisches Atomwaffenprogramm nachgedacht. Genau die Frage, die Becker 1987 stellte, nämlich unter welchen Bedingungen der Besitz und die Androhung von Atomwaffen moralisch tragbar sind, stellt sich in Europa gerade wieder ganz praktisch.
Kritisch hinterfragt
Becker beschreibt die Debatte nicht nur, er bezieht selbst Position. Für ihn ist Abschreckung unter bestimmten Bedingungen moralisch tolerierbar, nicht neutral berichtet. Das sollte man beim Lesen mitdenken.
Sein Argument setzt außerdem voraus, dass sich das Risiko politischer Erpressbarkeit und das Risiko atomarer Selbstzerstörung gemeinsam durch eine umfassende Friedens- und Sicherheitspolitik verringern lassen. Ob diese Voraussetzung heute noch genauso gilt, mit mehr Atommächten, brüchigeren Rüstungskontrollverträgen und einer Doktrin, die den begrenzten Einsatz eher wahrscheinlicher als unwahrscheinlicher macht, ist für mich eine offene Frage, keine, die ich hier beantworten kann.
Hat sich deine eigene Haltung zu Aufrüstung und Abschreckung in den letzten Jahren verändert? Schreib mir, was sich bei dir gewandelt hat.
Sechs Fragen, zwei Minuten, und du weißt, wie sehr dein Feed schon für dich entschieden hat, was wahr klingt.
- Wetterauer Zeitung: „Die Kriege in der Ukraine und im Iran legen grundlegende Schwächen der nuklearen Abschreckung offen“. wetterauer-zeitung.de
- tkp.at: „Der geplante Tabubruch bei Atomwaffen: Von der Abschreckung zur taktischen Waffe“, 2026. tkp.at
- taz: „Debatte über europäische Atomwaffen: Wie kann sich Europa nuklear verteidigen?“. taz.de







