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15. Oktober 2026Der dritte Fund aus demselben Buch ist Franz Böckles Vortrag „Politik jenseits von Gut und Böse“, direkt nach Beckers Abschreckungs-Vortrag im selben Band.
Wenn das Gute sofort verwirklicht werden soll
Böckle geht von einer christlichen Grundspannung aus. Das Reich Gottes ist Verheißung, aber noch nicht Wirklichkeit. Genau daraus leitet er eine politische Warnung ab. Je mehr Politik zur Utopie wird, je mehr sie sich also von den tatsächlichen politischen und menschlichen Gegebenheiten entfernt, um so mehr verführt sie ihre eigenen Verfechter dazu, radikale, unmenschliche Mittel einzusetzen.
Dafür nennt er zwei historische Beispiele. Die Französische Revolution wollte Vernunft, Freiheit und Fortschritt, kostete auf dem Weg dorthin tausende Menschen unter der Guillotine das Leben und endete in der napoleonischen Kaiserherrschaft. Für die kommunistische klassenlose Gesellschaft wurden Millionen Menschen umgebracht, ohne dass sie je erreicht wurde. Für Böckle folgt daraus etwas Konkretes. Wer eine ideale Gesellschaft erst nach einer Übergangsphase erreichen will, verrät die Werte, die er verspricht, meistens genau in dieser Übergangsphase.
Eine ähnliche Warnung, unabhängig von Böckle
Diese Beobachtung ist nicht nur eine theologische. Der Philosoph Karl Popper hat aus einer ganz anderen Ecke kommend etwas Ähnliches beschrieben. Utopische Politik, die eine Gesellschaft komplett nach einem festen Endziel umbauen will, kippt fast zwangsläufig in Propaganda und Verbot von Kritik, sobald erste Rückschläge sichtbar werden. Sein Gegenvorschlag war schrittweise, korrigierbare Reformpolitik statt Totalumbau.
Eine Unterscheidung lohnt sich trotzdem, auch wenn sie bei Popper selbst so nicht ausbuchstabiert ist. Nicht jede Vision einer besseren Welt führt automatisch zu Gewalt. Die Gleichsetzung von Utopie und Gewalt lässt sich auch rhetorisch benutzen, um jede größere gesellschaftliche Vision von vornherein zu diskreditieren. Gefährlich wird eine Utopie erst, wenn sie als einzig legitimes, mit allen Mitteln zu erreichendes Endziel behandelt wird, nicht schon durch den Wunsch nach Veränderung selbst.
Das zweite Warnsignal
Böckle nennt noch eine zweite Gefahr, unabhängig von Utopien. Er warnt vor der Isolierung eines einzelnen ethischen Gesichtspunkts aus dem Gesamtzusammenhang. Als Beispiel nennt er den Frieden. Frieden ist für ihn mehr als die Abwesenheit von Krieg, und auch mehr als eine machtvoll gesicherte Einflusszone. Sicherheitspolitik, die sich nur auf ihre militärische Dimension beschränkt, verfehlt für ihn das eigentliche Ziel. Er nennt die Entwicklung der Länder der sogenannten „Dritten Welt“ (sein Wort, nicht meins, warum der Begriff heute nicht mehr trägt, kann sich vermutlich jeder selbst erklären) ausdrücklich eine Schicksalsfrage der Menschheit und warnt, ihre Vernachlässigung berge für den Weltfrieden größere Gefahren als die atomare Rüstungsspirale.
Diese Warnung liest sich fast wie ein Kommentar zu diesem Jahr. Der Etat des Bundesentwicklungsministeriums wurde seit 2022 bereits um ein Drittel auf 9,9 Milliarden Euro gekürzt, der Etat für humanitäre Hilfe beim Auswärtigen Amt im selben Zeitraum um 60 Prozent auf rund eine Milliarde Euro. Für 2026 selbst sind zwar keine weiteren Kürzungen mehr vorgesehen, mehrere Hilfsorganisationen fordern aber genau in Böckles Logik eine Korrektur der bisherigen Einsparungen, auf 2,5 Milliarden Euro für humanitäre Hilfe und 11,2 Milliarden Euro für das Entwicklungsministerium. Bleibt Hilfe aus, verschärfen sich Konflikte, und das wirkt sich am Ende auch auf die eigene Sicherheit aus.
Kritisch hinterfragt
Böckles Argument steht ausdrücklich auf christlich-theologischem Boden, dem Reich Gottes als Verheißung. Wer diese Voraussetzung nicht teilt, kann trotzdem bei seiner politischen Schlussfolgerung landen, muss es aber nicht auf demselben Weg tun.
Und die Gleichsetzung von Utopie und Gewalt braucht selbst Vorsicht. Sie kann ein echtes historisches Muster beschreiben, so wie bei der Französischen Revolution oder dem Kommunismus. Sie kann aber auch als Totschlagargument gegen jede ambitionierte Reform benutzt werden, ganz ohne dass dort irgendjemand Gewalt plant. Woran man das im Einzelfall unterscheidet? Tja, die Antwort habe ich in den Texten nicht finden können.
Wo verläuft für dich die Grenze zwischen einer Vision, die eine Gesellschaft besser machen will, und einer Utopie, die gefährlich wird? Schreib mir, an welchem Beispiel du das festmachen würdest.
Quellen
- NZZ: „Die offene Gesellschaft ist von vielen Seiten bedroht – wer die Gefahren erkennen will, fährt immer noch gut mit Karl Popper“, https://www.nzz.ch/meinung/karl-popper-heute-die-offene-gesellschaft-ist-vielfach-bedroht-ld.1491360
- taz: „Bundeshaushalt 2026: Hilfsorganisationen fordern mehr Geld für Entwicklung“, https://taz.de/Bundeshaushalt-2026/!6128360/
- Welthungerhilfe: „Kompass 2026: Wirklichkeit der deutschen Entwicklungspolitik“, https://www.welthungerhilfe.de/unsere-arbeit/themen/globale-gerechtigkeit/kompass






