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2. Oktober 2026Ich war im Bibkeller wegen eines Aufsatzes zu Preußen. Fertig, auf dem Weg raus, und dabei ist mir noch ein Buch aufgefallen, nur wegen des Covers: eine Karikatur von zwei Männern am Verhandlungstisch in Genf, im Hintergrund zwei Galgen. Titel: „Politik und Moral. Entmoralisierung des Politischen?“, 1987.
Im Inhaltsverzeichnis bin ich an einem Aufsatztitel hängengeblieben: „Politischer Moralismus“ von Hermann Lübbe. Kein Wort davon ist inhaltlich alt geworden.
Wenn aus einer Sachfrage eine Charakterfrage wird
Lübbes Grundgedanke ist eigentlich einfach. Schwierige politische Probleme, also Dinge mit Komplexität, Nebenfolgen und widerstreitenden Interessen, werden umgedeutet in eine Frage von gut und böse. Aus „diese Entwicklung hat mehrere Ursachen, die man gegeneinander abwägen muss“ wird „das passiert, weil bestimmte Leute es so wollen“. Die Sachfrage verschwindet, übrig bleibt eine Charakterfrage.
Das alte Buch zitiere ich hier nicht. Lübbes Aufsatz selbst liegt mir gar nicht vor, nur sein Titel im Inhaltsverzeichnis. Die Grundfigur zeige ich stattdessen an aktuellen Beispielen, mit eigenen, jüngeren Quellen.
Drei aktuelle Fälle
Beim Wohnungsmarkt tauchen auf Demonstrationen regelmäßig „gierige Spekulanten“ als Erklärung für hohe Mieten auf. Meines Wissens nach entstehen Immobilienpreise eher aus einem Zusammenspiel aus Nachfrage, Angebot, jahrelanger Niedrigzinspolitik und Zuwanderung, also aus Strukturen, nicht aus dem bösen Willen einzelner Vermieter.
Ich denk, es läuft ähnlich in der Klimapolitik. Wenn Emittenten als bewusst böswillig dargestellt werden, blendet das aus, dass zum Beispiel neue Kohlekraftwerke in China vor allem der eigenen Versorgungssicherheit dienen sollen, nicht der Zerstörung der Atmosphäre. Die Ludwig-Erhard-Stiftung hat das an der deutschen Energiepolitik selbst durchgerechnet: Der deutsche CO2-Ausstoß wird laut ihrer Analyse mit dem 40- bis 76-Fachen des europäischen Zertifikatspreises vermieden, mit Instrumenten wie dem Glühbirnenverbot statt einem einheitlichen CO2-Preis, bei kaum messbarem globalem Effekt. Das ist teuer, fühlt sich aber moralisch richtig an. Genau das beschreibt Lübbes Begriff.
Beim dritten Fall geht es nicht um Geld, sondern um Leben und Tod. Der Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel hat in den Corona-Diskursen beobachtet, wie der Satz „jeder Mensch hat ein Recht auf Leben“ absolut gesetzt wurde, ohne ihn gegen andere Grundrechte, etwa Freiheitsrechte, abzuwägen. Wer diese Abwägung trotzdem einforderte, geriet schnell in die Nähe von „Leugnung“.
Zwei Lager statt einer Debatte
Merkel unterscheidet dafür Moral von Moralisierung. Moral ist für ihn ein Wertmaßstab, der für alle Menschen gleich gilt. Moralisierung ist etwas anderes, nämlich wenn eine Seite ihre eigene Position als die einzig moralische ausgibt und die andere Seite damit aus der Debatte drängt. Er beschreibt zwei Lager, die sich dabei gegenüberstehen: urbane, weltoffene Kosmopoliten, die offene Grenzen und Klimapolitik vertreten, und eher national orientierte Kommunitaristen, die vom Staat vor allem sozialen Schutz erwarten. Sauber trennen lässt sich das in Wirklichkeit nicht, dafür gibt es in beiden Lagern zu viele Ausnahmen. Sobald Kritik am einen Lager als „Klimaleugnung“ abgetan wird oder Kritik am anderen Lager Ähnliches erntet, ist aus der Sachfrage eine Lagerfrage geworden, und aus dem politischen Gegner ein Feind.
Kritisch hinterfragt
Ich würde mal vorsichtig behaupten, nachdem was ich rausfinden konnte, war Lübbe kein neutraler Beobachter, sondern ein konservativ-liberaler Philosoph, dem vorgeworfen wurde, den Moralismus-Vorwurf gezielt gegen linke und ökologische Bewegungen einzusetzen. Das ist ein Problem, das der Begriff in sich trägt. „Moralismus“ lässt sich auch benutzen, um eine unbequeme moralische Forderung loszuwerden, ohne die Sachfrage dahinter überhaupt zu klären. Wer beim Klimawandel oder bei sozialer Ungleichheit „ihr moralisiert doch nur“ ruft, beantwortet damit noch keine einzige Frage zur Sache selbst.
Wo also die Grenze verläuft zwischen berechtigter moralischer Empörung und Moralismus, der Komplexität zudeckt, sagt einem keiner der drei Texte oben eindeutig. Vielleicht gibt es dafür auch keine allgemeine Regel, nur einzelne Fälle, die man sich jeweils neu ansehen muss.
Ist dir das auch schon passiert, dass aus einer Sachfrage plötzlich eine Charakterfrage wurde, im Job, in der Familie oder in einer Diskussion online? Schreib mir davon in den Kommentaren.
Quellen
- WiWo: „Anders gesagt: Politischer Moralismus führt in die Unmoral“, https://www.wiwo.de/politik/deutschland/anders-gesagt-politischer-moralismus-fuehrt-in-die-unmoral/24481306.html
- Ludwig-Erhard-Stiftung: „Der politische Moralismus in der deutschen Klima- und Energiepolitik“, https://www.ludwig-erhard.de/der-politische-moralismus-in-der-deutschen-klima-und-energiepolitik/
- Frankfurter Hefte (zu Wolfgang Merkel): „Moralisierung und Polarisierung als gesellschaftliche Signatur“, https://www.frankfurter-hefte.de/artikel/moralisierung-und-polarisierung-als-gesellschaftliche-signatur-3240/






