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Ich vertrage gar keine Schokolade. Ehrlich, mein Körper und Kakao, das wird einfach nichts. Ich bin also ungefähr die letzte Person, die ein leidenschaftliches Verhältnis zum Schokoladenregal hat.
Ich bin ich heut früh über ein Reel von the_merc gestolpert, in dem er ziemlich atemlos erzählt, wie Ghana und die Elfenbeinküste gerade die „OPEC der Schokolade“ bauen. Und zack, war ich wieder mittendrin. Weil mir dabei eine Zahl aufgefallen ist. Von dem, was du an der Kasse für eine Tafel bezahlst, kommt beim Menschen, der die Bohne angebaut hat, ungefähr ein Zwanzigstel an.
Es ist eine seltsame Tatsache. Da wächst etwas in Westafrika, das die halbe Welt liebt, und ausgerechnet die Person am Anfang der Kette verdient am wenigsten daran. Ich finde solche Sätze faszinierend, weil sie eine Frage öffnen, die viel größer ist als Schokolade. Warum ist es so oft der, der etwas herstellt, der am Ende nichts davon hat?
Und jetzt ist tatsächlich etwas passiert, das genau an dieser Stelle ansetzt. Deshalb hat mich das Reel nicht nur kurz unterhalten, sondern zum Nachlesen gebracht.
Was im Juni beschlossen wurde
Am 16. Juni 2026 haben sich in Abidjan die Präsidenten von Ghana und der Elfenbeinküste getroffen, John Mahama und Alassane Ouattara, und eine gemeinsame Erklärung unterschrieben. Der Kern in einem Satz. Die beiden Länder wollen ihre Ab-Hof-Preise für Kakao, also den Preis, den der Bauer direkt bekommt, künftig abstimmen statt getrennt festlegen. Ab der Saison 2026/27 sollen die Preise sogar in Dollar aneinander angeglichen und die Erntekalender vereinheitlicht werden.
Das klingt erst mal technisch. Aber dahinter steckt eine ziemlich simple Machtfrage.
Ghana und die Elfenbeinküste bauen zusammen rund sechzig Prozent des Kakaos der Welt an. Sechzig Prozent. Zwei Länder. Man würde meinen, wer so viel von etwas hat, das alle wollen, hätte auch etwas zu sagen. Über Jahrzehnte war das Gegenteil der Fall, und um zu verstehen, warum, muss man sich anschauen, wie der Handel bisher lief.
Wie das alte System funktioniert hat
Stell dir zwei Nachbarn vor, die beide dasselbe verkaufen, an ungefähr dieselben Kunden. Die Elfenbeinküste nennt einen Preis. Ghana nennt einen anderen. Und die Käufer, ein überschaubarer Kreis großer internationaler Handels- und Verarbeitungshäuser, gehen dorthin, wo es günstiger ist. Diese großen Käufer stehen laut Angaben der beiden Länder für rund neunzig Prozent der Abnahme. Das ist eine enorme Konzentration auf der einen Seite und über fünf Millionen kleine Anbaubetriebe auf der anderen.
In so einer Konstellation hat der einzelne Verkäufer keine Verhandlungsmacht. Wenn du deinen Preis hältst, kauft der Große eben beim Nachbarn. Also kommst du runter. Und der Nachbar auch. So lief das lange, und den Verlust getragen hat am Ende der Bauer.
Aber eine Sache, an dem viele Erzählungen zu schnell werden. Dass der Farmer nur einen kleinen Anteil bekommt, heißt nicht automatisch, dass die Käufer ihn bewusst „ausrauben“. Ein Teil des kleinen Anteils entsteht schlicht dadurch, dass zwischen Bohne und Tafel wahnsinnig viel passiert, Transport, Rösten, Mahlen, Verarbeiten, Verpacken, Marketing. In einer wissenschaftlichen Auswertung der Wertschöpfungskette von Fountain und Hütz-Adams landen bei Herstellern und Handel knapp achtzig Prozent des erzeugten Mehrwerts und bei den Bauern etwa 6,6 Prozent. Ob die Marktmacht der Großen diesen Anteil zusätzlich drückt, ist unter Fachleuten umstritten und tatsächlich nicht abschließend geklärt. Es geht also nicht um reine Kriminalität. Es ist eine Struktur. Und Strukturen kann man verändern.
Genau das versuchen die beiden Länder jetzt. Denn sobald zwei Verkäufer, die zusammen sechzig Prozent des Marktes stellen, aufhören sich zu unterbieten, verschiebt sich etwas. Der Käufer kann nicht mehr einfach den einen gegen den anderen ausspielen. Manche nennen das schon jetzt die „OPEC der Schokolade“. Auf diesen Vergleich komme ich gleich zurück, denn er stimmt und irgendwie auch nicht.
Der vergessene Ursprung
Jetzt kommt der Teil, der die ganze Geschichte für mich umdreht. Und der hat mit meiner eigenen Fachrichtung zu tun, deshalb kribbelt es mich besonders.🤠
Kakao ist in Westafrika nicht heimisch. Die Pflanze, Theobroma cacao, stammt aus den Regenwäldern Mittel- und Südamerikas. Dort war sie über Jahrhunderte heilig, ein Getränk für Zeremonien, Teil ganzer Kulturen. Nach Westafrika kam sie erst im 19. Jahrhundert, entlang der Routen des Kolonialismus. Die Portugiesen bauten Kakao auf den Inseln São Tomé und Príncipe an, von dort und über die Insel Fernando Po, das heutige Bioko, gelangte er auf das Festland.
Die bekannteste Figur in dieser Geschichte ist Tetteh Quarshie, ein Schmied von der Goldküste, dem heutigen Ghana. Er hatte auf Fernando Po auf den Plantagen gearbeitet und brachte um 1876 Kakaosamen zurück in seine Heimat, wo er sie in Mampong pflanzte. Von dort breitete sich der Anbau aus. Schon 1911 war die Goldküste der größte Kakaoproduzent der Welt und hatte die alten Anbaugebiete in Lateinamerika überholt.
Und hier wird es richtig spannend, weil die schöne Gründungsgeschichte bei genauem Hinsehen anfängt zu zerfallen. Denn dass Quarshie den Kakao „eingeführt“ hat, ist historisch gar nicht so eindeutig, wie es die Denkmäler nahelegen. Die Basler Missionare und andere hatten schon Jahrzehnte vorher versucht, Kakao anzubauen, teils erfolglos, weil sie die Pflanze in die pralle Sonne setzten statt in den Schatten. Manche Quellen nennen sogar frühere Namen. Die Encyclopaedia Africana schreibt ziemlich direkt, die Behauptung, Quarshie habe den Kakao ins Land gebracht, sei so nicht haltbar. Sein Verdienst lag eher darin, den Anbau zum Laufen zu bringen, dorthin, wo die anderen gescheitert waren.
Ich erwähne es, weil es so gut zeigt, wie Geschichte funktioniert. Wir brauchen einen Anfang, einen Namen, einen Helden, und die vielen kleinen Schritte davor verschwinden aus der Erzählung. Der Ursprung wird im Nachhinein glattgezogen.
Und jetzt kommt die Windung, an der ich lange gekaut habe, weil man sie leicht falsch gewichtet. Quarshie soll die Samen entgegen strenger kolonialer Ausfuhrverbote von Fernando Po herausgeschmuggelt haben. Das ist eine starke Geschichte von eigenem Handeln, und sie stimmt vermutlich..
Aber sie macht die koloniale Herkunft nicht kleiner. Nach Afrika getragen hat den Kakao kein Afrikaner, sondern die europäischen Kolonialmächte, und die Samen, die Quarshie mitbrachte, lagen schon auf einer spanischen Plantageninsel, deren ganzes System auf erzwungener Arbeit beruhte. Sein Verdienst liegt eine Ebene tiefer. Er hat den Anbau ins Landesinnere gebracht, und dort wurde daraus etwas anderes als auf den Inseln, nämlich zum großen Teil eine Sache afrikanischer Kleinbauern statt europäischer Plantagen. Das ist ein echter Unterschied und einen eigenen Beitrag wert. Aber es ist ein Stockwerk, das auf einem kolonialen Fundament steht, kein Gegengewicht dazu..
Was aber unbestreitbar bleibt, ist, dass die Bohne in Westafrika wuchs, die Verarbeitung und der große Gewinn wanderten nach Europa. Die Schokoladenstädte, die Namen, die wir mit feiner Schokolade verbinden, liegen in der Schweiz, in Belgien, in den Niederlanden. Die Bohne verließ den Kontinent, die Marge blieb draußen. Und die Erklärung von Abidjan ist, wenn man so will, der Versuch, an dieser sehr alten Anordnung zu rütteln.
Die Zahlen, und was an ihnen stimmt
In vielen Beiträgen zu diesem Thema kursiert eine Kette, die den Verfall greifbar machen soll. In den 1970ern habe der Kakao noch die Hälfte des Werts einer Tafel Schokolade ausgemacht, heute seien es nur noch etwa sechs Prozent.
Natürlich musste ich das hier überprüfen. (Links findest du unten)
Die beiden Endpunkte halten. Für die 1970er wird der Anteil von rund fünfzig Prozent immer wieder genannt, und der heutige Wert von etwa sechs bis knapp sieben Prozent ist mehrfach belegt, unter anderem durch das Cocoa Barometer und die eben genannte Wertschöpfungsanalyse. Wo ich vorsichtig bin, ist der glatte Zwischenschritt, den manche einbauen, etwa ein präziser Wert für die 1980er. Die genauen Zwischenzahlen schwanken je nach Quelle und Berechnungsart. Die Richtung stimmt, die Größenordnung stimmt, die exakte Stufenfolge ist wackliger, als es sich anhört.
Übrigens ist auch das oft gehörte „der Bauer bekommt sechs Cent“ eher ein Rechenbild als eine feste Tatsache. Bei einer Tafel für einen Euro wären sechs bis sieben Prozent eben ungefähr sechs bis sieben Cent. Das ist eine hilfreiche Veranschaulichung, aber es ist kein festes Gesetz, sondern hängt am Preis der jeweiligen Tafel.
Ist das wirklich die OPEC der Schokolade?
Der Vergleich mit dem Ölkartell ist haltbar, und er trifft einen wahren Kern. Wenn Produzenten aufhören, gegeneinander zu konkurrieren, und anfangen sich abzustimmen, verliert der Käufer an Hebel. Das ist tatsächlich dieselbe Grundlogik.
Aber der Vergleich hinkt an einer entscheidenden Stelle, und ich finde, das gehört dazu. OPEC setzt seine Macht vor allem über die Menge durch. Die Länder drosseln die Förderung, verknappen also das Angebot, und treiben so den Preis. Die Erklärung von Abidjan koordiniert bislang die Preispolitik, nicht die Anbaumenge. Und Kakao lässt sich gar nicht so einfach drosseln wie Öl. Ein Kakaobaum trägt erst nach Jahren Früchte, du kannst den Hahn nicht mal eben zudrehen. Wer heute weniger anbauen will, sieht die Wirkung erst in Jahren.
Die „OPEC der Schokolade“ ist also eher eine Absichtserklärung und ein gutes Bild als eine fertige Tatsache. Ein Zusammenschluss, der Macht bündeln will, ja. Ein Kartell mit der Durchsetzungskraft von OPEC, noch nicht.
Kritisch hinterfragt
Die andere Lesart zuerst. Man kann die Abstimmung auch nüchtern als das sehen, was sie im Moment ist, nämlich eine Erklärung auf Papier. Absichtserklärungen sind billig. Ob die beiden Länder wirklich einen gemeinsamen Preis halten, auch wenn es weh tut, wird sich erst in den kommenden Ernten zeigen, nicht in einer Pressemitteilung.
Denn dass die Industrie einen solchen Vorstoß unterlaufen kann, ist keine Vermutung, das ist schon passiert. Als 2019 der sogenannte Living Income Differential eingeführt wurde, ein Aufschlag von vierhundert Dollar pro Tonne, der direkt beim Farmer landen sollte, zahlte die Branche ihn zwar. Aber sie drückte an anderer Stelle den sogenannten Herkunftsaufschlag ins Minus, teils bis zu zweihundert Pfund pro Tonne, und holte so mit der einen Hand zurück, was sie mit der anderen gab. Ein Sprecher der ghanaischen Kakaobehörde Cocobod, Fiifi Boafo, nannte das 2022 einen stillen Krieg gegen die Prämie der Farmer. Wichtig für die Einordnung ist, dass dieses Zitat und dieser Streit einige Jahre alt sind, sie stammen aus der Frühphase des Aufschlags, nicht aus diesem Sommer. Wer sie als brandneu verkauft, verkürzt zu sehr ..
Es gibt noch mehr, was die einfache Erzählung stört. Eine Modellstudie der EU-Forschungsstelle kommt zu dem Ergebnis, dass die Wirkung des Living Income Differential auf die Einkommen der Bauern von so gut wie nichts bis deutlich positiv reicht, je nachdem, wie er umgesetzt wird und wie sich die Käufer verhalten. Dieselbe Studie warnt, dass die Staatshaushalte der beiden Länder und vor allem die Bauern in anderen Anbauländern in vielen Szenarien verlieren. Wenn Ghana und die Elfenbeinküste den Preis hochhalten, kann das nämlich bedeuten, dass Käufer langfristig anderswohin ausweichen, nach Ecuador, Nigeria, Kamerun. Ein Preisbündnis, das die eigenen Farmer schützt, kann die Farmer in ärmeren Nachbarländern unter Druck setzen. Das ist unbequem, aber es gehört zur Wahrheit dazu.
Und der vielleicht wichtigste Realitätscheck? Nunja, diese Abstimmung findet nicht in einem Moment der Stärke statt, sondern mitten in einem Abschwung. Beide Länder haben ihre Ab-Hof-Preise für die Saison 2025/26 wegen fallender Weltmarktpreise deutlich gesenkt. Ghana hatte zuvor eine Saison, in der die Termingeschäfte fast zusammenbrachen, Händler machten über eine Milliarde Dollar Verlust, und das Vertrauen der internationalen Geldgeber in Ghanas Kakao litt. Cocobod, die staatliche Behörde, die den Preis festsetzt, steht selbst in der Kritik, weil staatlich gesetzte Preise die Bauern manchmal weniger verdienen lassen als ein freierer Markt es täte. Die Rettergeschichte hat also einen sehr unheroischen Hintergrund.
Beide Seiten also auf den Prüfstand. Die Käufer sind nicht einfach die Bösen, ein großer Teil des kleinen Farmer-Anteils entsteht real in der Verarbeitung. Und die Regierungen sind nicht automatisch die Guten, ihre eigene Preispolitik ist Teil des Problems. Was bleibt, ist eine echte Verschiebung, die passieren könnte, wenn die beiden es durchhalten. Und ein großes Wenn davor…
Wenn ein Sieg erst dann zählt, wenn man ihn auch gegen Widerstand hält, woran erkennt man dann früh genug, ob ein Bündnis wirklich hält oder nur gut klingt? Und würdest du beim nächsten Riegel im Regal anders hinschauen, wenn du wüsstest, wie alt und wie zäh die Geschichte dahinter ist?
Qullen:
https://www.thechocolateislands.com/sao-tome-history
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Weitere Informationenhttps://agris.fao.org/search/fr/records/68879c347fd4d06c32a9757b
https://www.esmmagazine.com/supply-chain/ivory-coast-ghana-cocoa-regulators-to-boycott-industry-meetings-over-price-dispute-224022, https://www.cighci.org/presidents-of-cote-divoire-and-ghana-agree-to-harmonise-cocoa-farm-gate-pricing-policies/, https://thebftonline.com/article/can-harmonised-cocoa-prices-help-top-producers-tackle-market-volatility-and-climate-risks, https://www.cighci.org/presidents-of-cote-divoire-and-ghana-agree-to-harmonise-cocoa-farm-gate-pricing-policies/
KardiKassin
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