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31. Juli 2026"Larifari-Studiengang": Was bringt ein Geschichtsstudium wirklich?
Ich hoffe, du hast etwas Zeit mitgebracht. 9 Minuten.
Neulich saĂ ich mit meiner Hausgemeinschaft zusammen. Es war einer dieser Abende, an denen man ĂŒber alles und nichts redet, ĂŒber die MĂŒlltonnen, ĂŒber das Wetter, ĂŒber die Baustelle an der Ecke. Und mittendrin fragte mich jemand, was mein Studium eigentlich macht. Ich fragte zurĂŒck, welches er meint. Er sagte: „Na das mit Geschichte. Ist ja auch so ein Larifari-Studiengang.“
LooooL: Innerlich hat es in mir gekocht. Nach auĂen habe ich ruhig geantwortet, dass ich das Fach durchaus komplex finde, vor allem aber wichtig. Dann haben wir weiter ĂŒber die MĂŒlltonnen geredet.
Aber der Satz ist geblieben und nagt auch Wochen spĂ€ter an mir. Nicht, weil er mich verletzt hĂ€tte. Sondern weil er so beilĂ€ufig kam. Er wurde nicht als Meinung vorgetragen, sondern wie ein Fakt, den man eben so weiĂ. So wie man weiĂ, dass es im November frĂŒh dunkel wird.Â
Denn wenn jemand eine Wertung ausspricht, als wĂ€re sie eine Tatsache, dann lohnt sich immer dieselbe Frage: Woher kommt diese Wertung eigentlich? Wer hat sie aufgestellt, wann, und warum halten wir sie fĂŒr selbstverstĂ€ndlich?
Das ist die Frage, um die es in diesem Beitrag geht. Nicht um meinen Nachbarn. Der soll sich hier auch nicht wiederfinden oder ertappt fĂŒhlen, falls er das je liest. Es geht um etwas viel GröĂeres, das in seinem Satz mitschwingt: um die unsichtbare Rangliste in unseren Köpfen, die Wissen in „nĂŒtzlich“ und „Larifari“ sortiert.
Die falsche Frage
Wenn Menschen hören, dass jemand Geschichte studiert, kommt fast reflexhaft die Frage: „Und was macht man damit?“ Gemeint ist: Was verdient man damit, welchen Job bekommt man, was bringt das?
Ich könnte jetzt die ĂŒbliche Verteidigungsrede halten. Ich könnte aufzĂ€hlen, dass Historikerinnen und Historiker in Archiven, Museen, Redaktionen, Stiftungen, Schulen und Unternehmen arbeiten. Dass Quellenkritik in Zeiten von Desinformation eine SchlĂŒsselkompetenz ist. Dass man lernt, komplexe ZusammenhĂ€nge zu durchdringen und verstĂ€ndlich aufzuschreiben. Das stimmt alles.
Aber ich glaube, diese Verteidigungsrede ist ein Fehler. Denn sie akzeptiert stillschweigend die Spielregel, um die es eigentlich geht: dass Wissen sich ĂŒber seine unmittelbare Verwertbarkeit rechtfertigen muss. Wer so antwortet, hat die Rangliste schon anerkannt und kĂ€mpft nur noch um einen besseren Platz darauf.
Die spannendere Frage ist eine andere: Woher kommt diese Rangliste ĂŒberhaupt? Wer hat entschieden, dass „nĂŒtzlich“ das oberste Kriterium ist, an dem Wissen gemessen wird? Und war das schon immer so?
Die Antwort darauf ist eine Geschichte. Und sie kippt das Bild komplett.
Als das „Nutzlose“ das Privileg der Freien war
Gehen wir zurĂŒck an die AnfĂ€nge der europĂ€ischen UniversitĂ€t, ins Mittelalter. Wer damals studierte, durchlief zunĂ€chst die sogenannten sieben freien KĂŒnste, die artes liberales. Sie bestanden aus zwei Blöcken. Das Trivium umfasste Grammatik, Rhetorik und Dialektik, also den Umgang mit Sprache und Argumenten. Das Quadrivium umfasste Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie, also den Umgang mit Zahlen, Formen und Ordnungen.
Der Name ist dabei kein Zufall. „Freie KĂŒnste“ hieĂ: das Wissen der Freien. Schon in der Antike, auf die dieses Modell zurĂŒckgeht, galten diese FĂ€cher als die Bildung, die einem freien Menschen angemessen ist. Einem Menschen, der nicht fĂŒr seinen Lebensunterhalt arbeiten muss und sich deshalb dem Denken um des Denkens willen widmen kann.
Und auf der anderen Seite? Da standen die artes mechanicae, die mechanischen KĂŒnste. Handwerk, Landwirtschaft, Handel, Heilkunde in ihrer praktischen Form, Kriegskunst, all das, was man heute vielleicht „anwendungsorientiert“ nennen wĂŒrde. Diese KĂŒnste waren unverzichtbar fĂŒr das Ăberleben der Gesellschaft. Und genau deshalb standen sie in der Rangordnung unten. Sie galten als das Wissen derer, die arbeiten mĂŒssen.
Jahrhundertelang war die Pyramide exakt umgekehrt gebaut wie heute. Das vermeintlich Nutzlose stand oben, weil es als Ausdruck von Freiheit galt. Das unmittelbar NĂŒtzliche stand unten, weil es nach Notwendigkeit roch, nach Zwang, nach Broterwerb. Wer es sich leisten konnte, studierte das, was keinen direkten Zweck hatte. Der Zweck war das Privileg der anderen.
HeiĂt lange nicht, dass diese Ordnung gerechter war. War sie nicht. Sie zementierte Standesunterschiede und wertete die Arbeit von Millionen Menschen ab. Aber sie zeigt etwas Entscheidendes: Die Rangliste, nach der wir Wissen sortieren, ist kein Naturgesetz. Sie ist eine Konvention. Und Konventionen haben ein Ablaufdatum.
Wo stand eigentlich die Geschichte?
An dieser Stelle muss ich ehrlich sein, denn ich habe diesen Gedanken zuerst in einer kĂŒrzeren Fassung auf Instagram geteilt und dabei etwas verkĂŒrzt. Geschichte war streng genommen gar kein eigenes Fach unter den sieben freien KĂŒnsten. In der Liste aus Trivium und Quadrivium taucht sie nicht auf.
Geschichte lief im Mittelalter lange als eine Art Hilfsdisziplin mit. Sie diente der Rhetorik als Beispielsammlung, denn wer ĂŒberzeugen wollte, brauchte historische Exempel. Und sie diente der Theologie, denn die Heilsgeschichte war der Rahmen, in dem man die Vergangenheit ĂŒberhaupt deutete. Ein eigenstĂ€ndiges Fach mit eigenen Methoden, eigenen LehrstĂŒhlen und eigenem Selbstbewusstsein war Geschichte damals nicht.
Warum erzĂ€hle ich dir das, obwohl es meinen Punkt scheinbar schwĂ€cht? Aus zwei GrĂŒnden. Erstens, weil ich auf diesem Blog nichts „glĂ€tten“ will. Wenn eine VerkĂŒrzung passiert ist, gehört sie benannt. Zweitens, weil die Korrektur den eigentlichen Punkt in Wahrheit stĂ€rker macht. Denn sie fĂŒgt der Geschichte der Rangliste eine weitere Wendung hinzu.
Geschichte ist nÀmlich nicht einfach von oben nach unten gefallen. Sie ist erst aufgestiegen, und zwar spektakulÀr.
Der Aufstieg zur Leitwissenschaft
Sprung ins 19. Jahrhundert, nach Deutschland. Hier passiert etwas Bemerkenswertes: Geschichte wird nicht nur ein eigenstÀndiges Fach, sie wird zur Leitwissenschaft einer ganzen Epoche.
Leopold von Ranke und die Historische Schule entwickeln die Quellenkritik zur Methode, das Seminar zur Ausbildungsform, das Archiv zum Labor. Der Anspruch: zeigen, „wie es eigentlich gewesen“ ist. Man kann ĂŒber diesen Anspruch heute definitiv streiten, und die Geschichtswissenschaft tut das seit Generationen. Aber die Wirkung damals war eben enorm.
Der Historismus prĂ€gte das Denken weit ĂŒber das Fach hinaus. Juristen argumentierten teils historisch, Theologen argumentierten historisch, Nationalökonomen argumentierten historisch. Wer im 19. Jahrhundert in Deutschland etwas begrĂŒnden wollte, griff zur Geschichte. Ganze Nationalstaaten, auch das entstehende Deutsche Reich, bauten ihr SelbstverstĂ€ndnis auf historischen ErzĂ€hlungen auf. Der Historiker war keine Randfigur, er war so etwas wie der Architekt des kollektiven Selbstbildes.
Ein Fach, das mein Nachbar heute beilĂ€ufig als Larifari einsortiert, stand vor gut 150 Jahren im Zentrum dessen, was eine Gesellschaft ĂŒber sich selbst wissen wollte. Die Rangliste war also nicht nur einmal anders. Sie war mehrfach anders, und sie hat sich mehrfach gedreht.
Die Erfindung der brotlosen Kunst
Und dann drehte sie sich wieder. Im Laufe des 20. Jahrhunderts, beschleunigt in den letzten Jahrzehnten, setzte sich ein neues oberstes Kriterium durch: die Verwertbarkeit. NĂŒtzlich ist, was sich möglichst direkt in ProduktivitĂ€t, Innovation und Einkommen ĂŒbersetzen lĂ€sst. Bildung wurde zunehmend als Investition gedacht, das Studium als Vorstufe zum Arbeitsmarkt, das Fach als Signal an kĂŒnftige Arbeitgeber.
In dieser Logik entstand auch das Etikett, das ĂŒber den Geisteswissenschaften hĂ€ngt wie ein Preisschild: brotlose Kunst. Der Begriff selbst ist Ă€lter, aber seine heutige SelbstverstĂ€ndlichkeit ist es nicht. Er transportiert eine ganze Weltsicht in zwei Worten: Wissen, das kein Brot bringt, ist Kunst im abschĂ€tzigen Sinne, also Zierde, Hobby, Larifari.
Verstehe mich nicht falsch. Ich halte die Frage nach dem Brot definitiv nicht fĂŒr „unanstĂ€ndig“. Dazu komme ich gleich noch. Mir geht es an dieser Stelle nur um eine Beobachtung: Die SelbstverstĂ€ndlichkeit, mit der mein Nachbar sein Urteil aussprach, ist historisch jung. Er hat keine ewige Wahrheit ausgesprochen, sondern die Konvention seiner Epoche. So wie ein mittelalterlicher Gelehrter mit derselben SelbstverstĂ€ndlichkeit auf das Handwerk herabgesehen hĂ€tte. Beide hĂ€tten sich dabei vollkommen im Recht gefĂŒhlt. Und beide hĂ€tten nur die Rangliste ihrer Zeit nachgesprochen.
Genau das meine ich, wenn ich vom vergessenen Ursprung spreche. Wir ĂŒbernehmen MaĂstĂ€be, deren Herkunft wir nicht kennen, und halten sie deshalb fĂŒr Natur. Die Rangliste in deinem Kopf hat eine Geschichte. Und wer ihre Geschichte kennt, kann ihr nicht mehr blind vertrauen.
Die berechtigte Frage der Gegenseite
Jetzt könnte dieser Beitrag gemĂŒtlich werden. Ich könnte mich zurĂŒcklehnen und sagen: Siehst du, alles relativ, die Banausen von heute sind die Gelehrten von gestern. Aber so einfach ist es nicht, und ich will es mir nicht so einfach machen.
Denn die Frage „WofĂŒr braucht man das?“ ist keine dumme Frage. Sie ist sogar eine ziemlich berechtigte. Ein Studium kostet Geld, öffentliches Geld. HörsĂ€le, Bibliotheken, Professuren, all das trĂ€gt eine Gesellschaft gemeinsam, auch die Menschen, die selbst nie studiert haben und vielleicht in Berufen arbeiten, die hĂ€rter sind als meiner je sein wird. Diese Gesellschaft darf fragen, was zurĂŒckkommt. Sie darf sogar hartnĂ€ckig fragen.
Und noch etwas gestehe ich der Gegenseite zu: Die alte Ordnung der freien KĂŒnste, auf die ich mich oben berufen habe, war keine Ordnung der Weisheit. Sie war eine Ordnung des Privilegs. Dass die Reichen das Zweckfreie studierten, lag nicht daran, dass sie den Wert des Denkens tiefer verstanden hĂ€tten. Es lag daran, dass andere fĂŒr sie arbeiteten. Wer heute fĂŒr NĂŒtzlichkeit argumentiert, argumentiert oft auch gegen genau diese alte Arroganz. Das sollte man hören, bevor man es abtut.
Der DĂŒnkel der eigenen Seite
Und damit bin ich bei dem Teil, der mir am schwersten fĂ€llt,- wobei eigentlich nicht- weil er gegen die eigene Mannschaft geht. Es gibt nĂ€mlich auch den umgekehrten Reflex, und ich kenne ihn aus nĂ€chster NĂ€he: den DĂŒnkel der Geisteswissenschaften gegenĂŒber allem Praktischen.
Da wird dann ĂŒber BWL-Studierende gespottet, ĂŒber „Excel-Jobs“, ĂŒber Menschen, die ein Fach nach Gehaltsaussichten wĂ€hlen (vorallem Medzin). Da schwingt die Haltung mit, das eigene Fach sei das eigentlich anspruchsvolle, das geistig höherwertige, und der Rest sei eben Broterwerb fĂŒr Leute ohne Tiefgang.
Ich sage es deutlich: Das ist exakt derselbe Reflex wie der Larifari-Satz meines Nachbarn, nur mit vertauschten Vorzeichen. Beide Seiten tun so, als wĂ€re ihre Rangliste ein Naturgesetz. Beide Seiten haben vergessen, dass diese Ranglisten gemacht wurden, von Menschen, in bestimmten Epochen, aus bestimmten Interessen. Und beide Seiten fĂŒhlen sich dabei gleich selbstverstĂ€ndlich im Recht.
Wenn mich mein Fach eines gelehrt hat, dann das: Misstraue jeder Ordnung, die sich fĂŒr alternativlos hĂ€lt. Auch der eigenen. Gerade der eigenen.
Zum Schluss ziehe ich die FĂ€den zusammen, so ehrlich ich kann.
Die Rangliste, nach der wir Wissen in nĂŒtzlich und Larifari sortieren, ist mindestens zweimal komplett gekippt. Erst stand das Zweckfreie oben, weil es als Wissen der Freien galt. Dann stieg die Geschichte zur Leitwissenschaft einer ganzen Epoche auf. Heute steht die Verwertbarkeit oben, und die Geisteswissenschaften mĂŒssen sich rechtfertigen. Nichts an dieser Abfolge spricht dafĂŒr, dass die heutige Ordnung die letzte ist.
Was oben stehen wird, wenn die Pyramide das nÀchste Mal kippt, weià ich nicht. Vielleicht wird es das Wissen sein, das Maschinen am schlechtesten imitieren können. Vielleicht das Wissen, das Gesellschaften zusammenhÀlt, wenn ihre ErzÀhlungen zerfallen. Vielleicht etwas, das heute noch belÀchelt wird, so wie das Handwerk im Mittelalter belÀchelt wurde und heute wieder Goldstaub ist, weil niemand mehr einen Dachdecker findet.
Und mein Nachbar? Der hat mir, ohne es zu wollen, den besten Beweis fĂŒr den Wert meines Fachs geliefert. Denn sein Satz war kein Fakt, sondern ein Fossil: die versteinerte Konvention einer Epoche, die sich selbst fĂŒr zeitlos hĂ€lt. Man braucht ein bestimmtes Werkzeug, um so ein Fossil als Fossil zu erkennen, es freizulegen und zu datieren. Dieses Werkzeug heiĂt Geschichte.
Ich verteidige mein Studium deshalb nicht damit, dass es nĂŒtzlich ist. Ich verteidige es damit, dass es die einzige Disziplin ist, die sichtbar machen kann, woher unsere MaĂstĂ€be fĂŒr NĂŒtzlichkeit ĂŒberhaupt kommen. Ein Fach, das die Rangliste selbst untersuchen kann, lĂ€sst sich schlecht von ihr einsortieren.
Wenn dich solche Gedanken interessieren, also die Frage, warum wir so denken, wie wir denken, dann findest du auf meinen KanĂ€len regelmĂ€Ăig Nachschub. Auf YouTube gehe ich den UrsprĂŒngen ausfĂŒhrlicher nach, hier auf dem Blog in Ruhe und mit FuĂnoten im Kopf. Der Anfang ist mein „Start here“-Beitrag, in dem ich erklĂ€re, worum es bei alldem eigentlich geht.
KardiKassin
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Ich bin Studentin und Fragenstellerin aus Leidenschaft. Was mich wirklich umtreibt, ist die Frage:
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