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17. Juli 2026Hochkultur: Warum der bürgerliche Kulturbegriff bis heute nachwirkt
Prüfungen stehen an, und ich habe mir ein paar der Kapitel von Richard van Dülmen durchgelesen. Eigentlich ganz nüchtern, so wie man das eben macht, wenn man Stoff durchgeht. Und dann bin ich an einem ganz bestimmten Begriff hängen geblieben und nicht mehr wirklich weitergekommen. Van Dülmen beschreibt an einer Stelle, wie sich die historische Anthropologie vom sogenannten bürgerlichen Kulturbegriff abwendet. Also von jener Vorstellung, die den Höhepunkt menschlicher Kultur in Musik, Kunst, Religion und Literatur sieht, gebunden an eine elitäre Hochkultur. Und dann schiebt er fast beiläufig nach: In der Wissenschaft verschwindet diese Einschätzung gerade, im Alltag und in den Medien bleibt sie aber weiter relevant.
Ich hab das gelesen und dachte: Moment. Wenn dieser bürgerliche Kulturbegriff wissenschaftlich schon als überholt gilt, warum bestimmt er dann so selbstverständlich unsere Gegenwart? Warum reden wir immer noch von Kultur, als meinten wir automatisch das Konzerthaus und nicht die Küche? Und die unbequemere Frage, die gleich hinterherkommt: Halten wir uns damit nicht selbst auf?
Genau darum geht es in diesem Beitrag. Es gehr um die viel spannendere Frage, warum ein Denkmuster weiterlebt, obwohl die Menschen, die es einmal streng benutzt haben, es längst zur Seite gelegt haben. Und was das über uns verrät.
Warum Begriffe in der Wissenschaft schneller sterben als im Alltag
Der erste Reflex ist zu denken: Wenn etwas wissenschaftlich überholt ist, dann muss es doch bald überall verschwinden. So funktioniert es aber nicht. Ein Begriff stirbt in der Wissenschaft und im Alltag aus völlig unterschiedlichen Gründen, weil er dort völlig unterschiedliche Aufgaben erfüllt.
Für die historische Anthropologie war der bürgerliche Kulturbegriff ein Werkzeug. Ein Analyseinstrument, mit dem man auf die Vergangenheit geschaut hat. Und Werkzeuge tauscht man aus, sobald sie nicht mehr taugen. Die Forschung hat irgendwann gemerkt, dass dieses Instrument riesige Teile des menschlichen Lebens gar nicht erfasst. Wer Kultur nur dort sucht, wo sie glänzt, sieht den Rest schlicht nicht. Also hat man das Werkzeug beiseitegelegt und ein besseres genommen.
Im Alltag ist Hochkultur aber kein Werkzeug zum Verstehen. Sie ist ein Werkzeug zum Unterscheiden. Und das ist ein gewaltiger Unterschied. Der Soziologe Pierre Bourdieu hat in seinem Werk über die feinen Unterschiede gezeigt, dass Geschmack fast nie nur Geschmack ist. Was wir schön finden, was wir hören, was wir für anspruchsvoll halten, das ist zugleich ein Signal. Ein Zeichen dafür, wo wir stehen, welche Bildung wir haben, zu welcher Gruppe wir gehören. Wer ins Opernhaus geht statt aufs Volksfest, sagt damit auch etwas über sich selbst aus, ob er will oder nicht.
Und diese soziale Funktion verschwindet nicht, nur weil ein Historiker einen Begriff aus seinem Text streicht. Im Gegenteil. Sie wird sogar zäher, je unsicherer die Zeiten werden. Denn solange man Menschen leicht über Herkunft oder Geld unterscheiden konnte, brauchte es den Geschmack als Marker weniger. In einer Gesellschaft aber, in der Geld allein längst nicht mehr eindeutig sortiert, muss etwas anderes die Arbeit übernehmen. Und da bietet sich Kultur an. Wissen, was man gesehen haben muss. Verstehen, worüber im Feuilleton geschrieben wird. Das trennt leise, aber wirksam.
Deshalb hält sich der bürgerliche Kulturbegriff. Nicht weil er wahr ist, sondern weil er nützlich ist. Für Abgrenzung. Für Zugehörigkeit. Für das stille Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen.
Woher der bürgerliche Kulturbegriff eigentlich kommt
Und jetzt wird es richtig spannend, weil dieser Kulturbegriff nämlich gar nicht so alt und ehrwürdig ist, wie er sich anfühlt. Er hat einen Ursprung, und diesen Ursprung haben wir weitgehend vergessen.
Die Vorstellung, dass wahre Kultur in Kunst, Musik und Literatur ihren Höhepunkt findet, wird im deutschsprachigen Raum vor allem im neunzehnten Jahrhundert stark. Sie ist eng verbunden mit dem sogenannten Bildungsbürgertum, also jener aufstrebenden, gebildeten Mittelschicht aus Beamten, Professoren, Ärzten, Pfarrern, Juristen. Diese Schicht hatte ein Problem. Nach oben stand der Adel, dessen Rang auf Geburt beruhte und den man sich nicht kaufen konnte. Nach unten standen die Arbeiter und die einfache Bevölkerung. Und dazwischen suchte das Bürgertum nach etwas, worüber es sich selbst definieren und behaupten konnte.
Dieses Etwas wurde die Bildung. Und mit ihr die Kultur. Wer die richtigen Bücher gelesen hatte, die richtige Musik kannte, sich in Kunst und Sprache auskannte, der gehörte dazu. Nicht durch Geburt, nicht allein durch Geld, sondern durch das, was man sich angeeignet hatte. Kultur wurde damit zu einem Ausweis. Zu einer Art unsichtbarem Adelstitel, den man sich selbst verdienen konnte. Das Ideal der Bildung, wie es etwa im Umkreis Wilhelm von Humboldts geprägt wurde, war für sich genommen etwas Schönes. Aber es bekam von Anfang an diese doppelte Funktion mit: Es formte den Menschen, und es sortierte ihn zugleich ein.
Und genau da liegt der vergessene Ursprung. Was wir heute für einen zeitlosen, fast natürlichen Kulturbegriff halten, war ursprünglich die Selbstbeschreibung einer ganz bestimmten Gruppe in einer ganz bestimmten historischen Lage. Es war die Art, wie sich eine Schicht ihren Platz in der Welt sicherte. Wir haben diesen Entstehungsgrund vergessen und die Form für das Ganze genommen. Wir halten für Kultur schlechthin, was einmal die Kultur einer bestimmten Klasse in einem bestimmten Jahrhundert war.
Das nimmt dem bürgerlichen Kulturbegriff nichts von seiner Schönheit. Aber es nimmt ihm seine scheinbare Selbstverständlichkeit. Und sobald etwas seine Selbstverständlichkeit verliert, kann man wieder frei über es nachdenken.
Wir haben den Begriff beerdigt und wohnen weiter in seinem Haus
Dazu kommt etwas, das man leicht unterschätzt: die Trägheit von Institutionen. Ideen sind flüchtig, aber die Gebäude, die um sie herum entstehen, bleiben stehen.
Denk mal darüber nach, wie tief der alte Kulturbegriff in unsere Einrichtungen eingebaut ist. Die Art, wie Kulturförderung verteilt wird. Was in einem Feuilleton besprochen wird und was nicht. Welche Fächer in der Schule als bildend gelten und welche als Freizeit. Wie ein Museum gebaut ist, mit seinen hohen Decken und der andächtigen Stille, die dir schon beim Eintreten sagt: Hier ist etwas Höheres. All das wurde über Generationen um die Vorstellung herum errichtet, dass es eine echte, eine höhere Kultur gibt und daneben nur das gewöhnliche Leben.
Diese Strukturen überleben die Idee, die sie hervorgebracht hat, oft um Jahrzehnte. Man kann in einem Seminar der historischen Anthropologie sitzen und lernen, dass der bürgerliche Kulturbegriff überholt ist, und danach in genau das Konzerthaus gehen, das nach seiner Logik gebaut wurde, subventioniert nach seiner Logik, besprochen nach seiner Logik. Der Gedanke ist tot, aber wir bewohnen weiter sein Haus.
Und das ist es, was mich an der Sache so fasziniert. Es ist ein perfektes Beispiel für etwas, das ich das Traditions-Paradox nenne. Wir behalten Formen bei, lange nachdem ihr ursprünglicher Sinn verblasst ist. Wir vollziehen Bewegungen, deren Grund wir vergessen haben. Und wir merken es meistens nicht einmal, weil das Gewohnte sich immer anfühlt, als wäre es schon immer so gewesen.
Halten wir uns damit selbst auf?
Jetzt zur eigentlichen Frage, die mich nicht loslässt. Bremsen wir uns selbst aus, wenn wir an einem Kulturbegriff festhalten, den die Forschung längst verabschiedet hat?
Meine ehrliche Antwort ist: ja und nein. Und ich glaube, beide Hälften sind wichtig.
Das Ja zuerst. Der bürgerliche Kulturbegriff macht systematisch unsichtbar, was die historische Anthropologie überhaupt erst sichtbar machen wollte. Nämlich die Kultur der vielen. Das Alltägliche. Die Volksfrömmigkeit, die mündlich weitergegebenen Geschichten, die Feste, die Bräuche am Küchentisch, die Art, wie ganz normale Menschen ihr Leben gedeutet und geordnet haben. All das galt lange als kulturlos oder bestenfalls als Folklore, als niedliches Beiwerk zur eigentlichen Kultur. Dabei steckt genau darin die Antwort auf die Frage, die mich am meisten interessiert: Warum sind wir, wie wir sind?
Denn diese Antwort liegt fast nie in der Oper. Sie liegt in der Küche. Am Stammtisch. Im Gebet. Im Schweigen am Familientisch. In den Sätzen, die eine Generation an die nächste weiterreicht, ohne sie je auszusprechen. Wer Kultur nur dort sucht, wo sie glänzt, versteht nicht, wie Menschen tatsächlich gelebt haben und warum sie so geworden sind. Und in dem Sinne halten wir uns tatsächlich auf. Wir schauen an dem vorbei, was uns am meisten über uns selbst erzählen könnte, weil wir gelernt haben, es für unwichtig zu halten.
Aber jetzt kommt das Nein, das ich nicht unterschlagen will, weil sonst die Sache zu einfach wird. Die Sehnsucht nach dem Außergewöhnlichen ist selbst zutiefst menschlich. Menschen haben zu allen Zeiten und in allen Kulturen zwischen dem Heiligen und dem Alltäglichen unterschieden. Zwischen dem Fest und dem gewöhnlichen Tag. Zwischen dem Werk, das über den Moment hinausweist, und dem, was einfach nur gebraucht wird. Diese Unterscheidung ist keine bürgerliche Erfindung des neunzehnten Jahrhunderts. Sie ist so alt wie der Mensch selbst.
Das Problem war also nie, dass Menschen manche Dinge für besonders halten. Das Problem war, dass eine bestimmte Gruppe das Recht beanspruchte zu definieren, was als besonders zu gelten hat. Und diese Definition dann so ausgab, als wäre sie universell und für alle gültig. Nicht die Ehrfurcht vor dem Großen ist das Problem, sondern die Anmaßung, im Namen aller festzulegen, was groß ist und was klein.
Wenn man das trennt, wird die Sache klarer. Wir dürfen weiter Dinge lieben, die uns über den Alltag hinaustragen. Eine Symphonie, eine Kathedrale, ein Roman, der uns umkrempelt. Das müssen wir nicht abschaffen und das sollten wir auch nicht. Was wir uns aber abgewöhnen dürfen, ist der stille Reflex, alles andere für kulturlos zu halten. Das Leben der vielen ist nicht die Abwesenheit von Kultur. Es ist Kultur.
Was das mit dir zu tun hat
Vielleicht denkst du gerade, das sei alles ziemlich akademisch. Ist es aber nicht. Dieses Denkmuster steckt in dir und in mir, viel tiefer, als uns lieb ist.
Es meldet sich, wenn du dich fast entschuldigst, weil du lieber einen Schlager hörst als eine Fuge. Wenn du ein Gefühl von Minderwertigkeit hast, weil du bestimmte Bücher nicht gelesen hast, die man angeblich gelesen haben muss. Wenn du die Rezepte deiner Großmutter oder die Geschichten deiner Familie für nicht erzählenswert hältst, weil sie ja nichts Großes sind. Genau da wirkt der alte Kulturbegriff. Nicht als Theorie, sondern als leises Urteil über dich selbst.
Und deshalb finde ich es befreiend, dass die Wissenschaft ihn hinter sich gelassen hat. Nicht, um das Große kleinzureden, sondern um das vermeintlich Kleine ernst zu nehmen. Die Feste, die Sprache, die Bräuche, das Alltägliche. Das alles ist es wert, verstanden zu werden. Weil genau darin steht, warum du geworden bist, wer du bist.
Der bürgerliche Kulturbegriff ist wissenschaftlich beerdigt. Aber wir leben weiter in seinen Gebäuden, und noch mehr in seinen Reflexen. Vielleicht ist der ehrlichste erste Schritt nicht, ihn abzuschaffen, sondern ihn überhaupt erst einmal zu bemerken. Zu spüren, wann er sich in uns meldet. Und dann zu fragen: Wer hat eigentlich entschieden, was hier als Kultur zählt? Und warum glaube ich es bis heute?
Ich habe für mich keine fertige Antwort. Aber ich merke, dass sich mein Blick verändert, seit ich die Frage stelle. Die Küche ist plötzlich genauso interessant wie das Konzerthaus. Und ehrlich gesagt manchmal sogar mehr.
Wie ist das bei dir? Gibt es etwas aus deinem Alltag oder deiner Familie, das du lange für nicht erzählenswert gehalten hast, obwohl vielleicht genau darin deine Geschichte steckt? Ich lese deine Gedanken dazu wirklich gern.
KardiKassin
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Ich bin Studentin und Fragenstellerin aus Leidenschaft. Was mich wirklich umtreibt, ist die Frage:
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