
Germany’s Oldest Black Organizations Turn Forty, a Year Apart
3. September 2026Das Herkunfts-Paradox: Warum Menschen, die ausgegrenzt wurden, neue Grenzen ziehen
Vor Kliniken in Johannesburg standen im Sommer 2025 Leute an den Eingängen und kontrollierten, wer hineindarf. Nicht der Staat, keine Behörde. Nachbarn, in Warnwesten, mit Listen und Ausweiskontrollen. Wer den falschen Pass hatte oder gar keinen, wurde weggeschickt, auch mit einem kranken Kind auf dem Arm. Die Daily Maverick zählte im August 2025 mindestens 53 Kliniken landesweit, an denen Migranten so der Zugang verwehrt wurde.
Interessant ist das, weil sie in einem Land spielt, dessen Befreiung ohne die Aufnahme von Flüchtlingen in Nachbarländern kaum denkbar gewesen wäre.
Warum ziehen Menschen, die selbst ausgegrenzt wurden, so oft die nächste Grenze, statt keine mehr zu ziehen?
Ein Land, das ohne seine Nachbarn nicht frei geworden wäre
Ein kurzer Rückblick, damit du einn Überblick bekommst. In den Jahrzehnten des Apartheidregimes lebten viele der wichtigsten Köpfe des südafrikanischen Widerstands nicht in Südafrika. Der ANC hatte sein Hauptquartier im Exil, unter anderem in Lusaka. Sambia, Tansania, Mosambik, Angola, Botswana und später Simbabwe, die sogenannten Frontstaaten, nahmen Exilierte auf und ließen Strukturen der Befreiungsbewegungen auf ihrem Boden zu.
Billig war das für sie nicht. Diese Länder wurden dafür wirtschaftlich unter Druck gesetzt und teils militärisch angegriffen. Mosambik unterschrieb 1984 im Abkommen von Nkomati, dass es den ANC nicht länger unterstützen werde, weil der Druck aus Pretoria zu groß geworden war. Solidarität mit Südafrikanern hatte für die Region also einen Preis, und er wurde bezahlt.
Wenn heute in Südafrika Menschen aus Mosambik, Malawi und Simbabwe angegriffen werden, trifft es ausgerechnet die Herkunftsländer jener Nachbarschaft. Das ist keine Ironie der Geschichte, mit der man punkten sollte, dafür ist es zu ernst. Aber es zeigt, dass gemeinsame Erfahrung von Unterdrückung offenbar keine Versicherung ist. Sie wird nicht automatisch vererbt, nicht einmal innerhalb einer Generation.
Fallstudie 1: Mai 2008, Alexandra
Am 12. Mai 2008 begann in Alexandra, einem Township im Norden Johannesburgs, eine Welle von Angriffen auf Migranten aus Mosambik, Malawi und Simbabwe. Sie breitete sich von Gauteng über Durban und Kapstadt bis in mehrere Provinzen aus. Am Ende waren 62 Menschen tot. Ein Jahr später lebten allein in Kapstadt noch 461 Vertriebene in Lagern.
Was mich an dieser Zahl beschäftigt, ist vorallem was in diesen Wochen an Argumenten kursierte. Die Migranten nähmen die Arbeit weg, sie drückten die Löhne, sie belegten die Wohnungen, sie brächten Kriminalität. Diese Sätze kennst du vermutlich in leicht anderer Sprache aus deinem eigenen Land. Sie sind erstaunlich mobil.
Und sie stehen in einem Verhältnis zur Wirklichkeit, das man wenigstens einmal nachrechnen sollte. Der Anteil von Migranten an der Bevölkerung Südafrikas stieg von 2,8 Prozent im Jahr 2005 auf etwa 7 Prozent im Jahr 2019. Im zweiten Quartal 2026 lag die offizielle Arbeitslosenquote laut Stats SA bei 33,6 Prozent. Sieben Prozent Zugewanderte erklären keine dreiunddreißig Prozent Arbeitslosigkeit. Trotzdem funktioniert die Rechnung im Alltag, und zwar deshalb, weil sie eine Adresse liefert, an der man klingeln kann. Ein Arbeitsmarkt hat keine Tür. Der Nachbar schon.
Nicht bei den anderen. Bei dir. Wann hast du zuletzt eine strukturelle Lage bei einer Person abgeladen, weil die Person greifbar war und die Struktur nicht? lol. Ich glaube so lange müssen wir nicht darüber nachdenken.
2008 blieb kein Einzelfall. 2015 gab es eine neue Welle, in Grahamstown wurden nach Gerüchten über Morde durch Ausländer mehr als 300 Geschäfte und Wohnungen geplündert und über 500 Menschen vertrieben. Im September 2019 richteten sich Angriffe in Johannesburg gegen ausländische Geschäfte, rund 50 wurden beschädigt oder zerstört, etwa 640 Nigerianer nahmen daraufhin ein Angebot zur Rückführung an.
Es ist also keine Stimmung, die alle paar Jahre neu entsteht. Es ist eine, die immer da ist und in Abständen sichtbar wird.
Es lohnt sich außerdem, genau hinzuschauen, wer eigentlich getroffen wird. Ramaphosa selbst nannte im Parlament drei Dinge, die er zurückweist: Xenophobie, Afrophobie, Selbstjustiz. Das mittlere Wort ist das entscheidende. Es geht in der Praxis nicht um Ausländer im Allgemeinen. Europäische Zugewanderte stehen selten vor der Kontrolle an der Klinik. Die Grenze verläuft entlang der Nachbarländer, entlang von Menschen, die derselben Region angehören und oft auch derselben Zuschreibung, unter der die Vorfahren der Kontrolleure gelitten haben.
Fallstudie 2: Wie aus einer Straßenbewegung eine Ordnungsmacht wird
Der zweite Fall ist der interessantere, weil er zeigt, was passiert, wenn das Muster nicht in einer Explosion endet, sondern sich einrichtet.
Ab Anfang 2022 wurde eine Bewegung namens Operation Dudula sichtbar. Der Name kommt aus dem isiZulu und heißt so viel wie wegdrücken, mit Gewalt entfernen. Sie durchsuchte Unterkünfte, organisierte Märsche und stellte sich vor Einrichtungen. 2025 war daraus die beschriebene Praxis an den Kliniken geworden. Im November 2025 entschied das High Court, dass diese Blockaden rechtswidrig und fremdenfeindlich waren, und untersagte der Bewegung, Menschen den Zugang zu Krankenhäusern, Kliniken und Schulen zu verwehren.
Ein Gerichtsurteil beendet ein solches Muster aber nicht, es verschiebt es nur. Im Juli 2026 gingen laut Al Jazeera bei bundesweiten Protesten gegen Migration über 900 Menschen in Gewahrsam, verteilt auf rund 120 Märsche, die meisten davon friedlich. Ein Mensch wurde in Alexandra erschossen, wieder Alexandra. Die stellvertretende Polizeikommissarin Tebello Mosikili nannte als Festnahmegründe öffentliche Gewalt und Raub bis hin zu Verstößen gegen das Aufenthaltsrecht. Präsident Ramaphosa sagte, er verstehe die Sorgen über irreguläre Einwanderung, aber das Recht in die eigene Hand zu nehmen sei Selbstjustiz und habe in einer Verfassungsdemokratie keinen Platz.
Ende August 2026 wurde er im Parlament deutlicher und kündigte Festnahmen an. Die Verantwortlichen würden verfolgt, es werde Anklagen geben. Julius Malema hielt ihm entgegen, die Gewalt gegen afrikanische Ausländer habe ein Gesicht, die Anführer seien bekannt, zwei von ihnen hätten den Präsidenten sogar getroffen, ohne dass jemand festgenommen worden sei. Er sprach davon, das Ganze wirke staatlich geduldet.
Wer hier recht hat, vermag ich nicht zu beurteilen. Beide Aussagen stehen im selben Saal und widersprechen sich. Was mich an dem Wortwechsel interessiert, ist etwas anderes. Die Frage lautete längst nicht mehr, ob man Menschen sortiert, sondern nur noch, wer dabei die Ordnungsmacht ist.
Die Allianz, an der das Paradox sichtbar wird
Im August 2026 kam dann der Teil, der die ganze Sache kippt. Die Bewegung March and March, gegründet von Jacinta Ngobese-Zuma, gab ein Bündnis mit AfriForum bekannt, der Lobbyorganisation der Afrikaner unter Kallie Kriel. Gemeinsame Themen: Grenzkontrolle, Kriminalität, irreguläre Migration, Rechtsstaatlichkeit.
Die Reaktion war heftig, und der Vorwurf lautete Verrat an indigenen Südafrikanern. In einem Meinungsbeitrag in der Daily Maverick schrieben die Forscherinnen Rebecca Walker, Iriann Freemantle und Sharon Ekambaram, das Bündnis schreibe die Rangordnung der Apartheid fort und schiebe die Schuld nach unten weiter, während AfriForum sein Image aufpoliere. Das ist eine Deutung von drei Autorinnen, keine neutrale Feststellung, und sie hat prominente Gegenstimmen. In The Citizen wurde argumentiert, ein Gespräch zwischen zwei Organisationen sei noch kein Verrat.
Beides kannst du nebeneinander stehen lassen. Der Punkt, der bleibt, ist die Form. Eine Bewegung, die im Namen der Benachteiligten auftritt, sucht die Nähe zu genau der Gruppe, gegen die sich der alte Kampf richtete, um sich gemeinsam gegen Menschen aus Simbabwe, Mosambik und Malawi zu stellen. Die Trennlinie von gestern verschwindet nicht, weil sie überwunden wurde. Sie verschiebt sich, weil ein neues Unten gefunden ist.
Ein Prüfstein für den Alltag
Ich glaube nicht an Modelle, die alles erklären. Aber es gibt eine Frage, die sich anwenden lässt, auch auf viel kleinere Zusammenhänge als Südafrika.
Frag dich bei jeder Bewegung, die für Gerechtigkeit auftritt: Will sie die Grenze abschaffen oder verschieben?
Beides klingt am Anfang gleich. Beides benutzt dieselben Wörter von Würde, Anerkennung und Gehörtwerden. Der Unterschied zeigt sich erst an der Stelle, an der es etwas kostet. Eine Bewegung, die die Grenze abschaffen will, wird für Leute unbequem, die eigentlich auf ihrer Seite stehen, weil sie auch deren Sortierungen angreift. Eine Bewegung, die die Grenze nur verschieben will, wird immer nur nach außen unbequem und nach innen bequemer.
Der Verdacht ist damit nicht bewiesen. Aber du hast eine Frage, die du in fünf Sekunden stellen kannst, und ein Gefühl dafür, worauf du bei der Antwort achtest.
Eine zweite Frage hilft mir noch mehr. Wer wäre nach dieser Logik als nächstes dran?
Jede Sortierung hat eine Fortsetzung, die niemand ausspricht. Wenn die Undokumentierten weg wären, bliebe die Arbeitslosigkeit, blieben die überfüllten Kliniken, und dann bräuchte die Erklärung eine neue Adresse. In der Geschichte Südafrikas kannst du diese Fortsetzung nachlesen, sie hat nur früher andere Gruppen betroffen. Wer die Frage nach dem Nächsten nicht beantworten will, hat meistens schon eine Antwort.
Kritisch hinterfragt
Der bequeme Teil an diesem Text ist, dass er nach Südafrika zeigt. Ein Land mit 33,6 Prozent Arbeitslosigkeit, in dem sich Verteilungskämpfe anders anfühlen als in Mitteleuropa. Von hier aus über die Solidarität von Menschen zu urteilen, die um Klinikbetten und Arbeit konkurrieren, ist billig, und ich muss aufpassen, dass mein Text das nicht tut.
Auch mit dem Wort Paradox sollte ich vorsichtig sein. Es klingt nach Denkfehler und macht aus einer politischen Lage ein Charakterproblem. Vielleicht ist Solidarität einfach nie eine Eigenschaft, die man durch Leiden erwirbt. Vielleicht ist sie eine Entscheidung, die man jedes Mal neu trifft, und dann wäre die Erwartung, Betroffene müssten es besser wissen, selbst eine Zumutung. Sie verlangt von Menschen, die wenig haben, moralische Leistungen, die von Menschen mit viel selten verlangt werden.
Und dann ist da die Stelle, an der ich mich selbst nicht ausnehmen kann. Auch in afrodeutschen Zusammenhängen gibt es Abstufungen, wer dazugehört und wer nur fast. Wer die richtige Herkunft hat, das richtige Land, die richtige Geschichte, den richtigen Anteil an Erfahrung. Ich habe solche Sortierungen selbst mitgedacht, bevor ich gemerkt habe, dass ich sie mitdenke. Das Muster fühlt sich von innen nie an wie Ausgrenzung. Es fühlt sich an wie ein Anspruch, der einem zusteht.
Was offen bleibt, ist die schwierigste Frage. Wenn geteiltes Leid keine Solidarität garantiert, was dann? Ich habe darauf keine Antwort, die ich guten Gewissens aufschreiben könnte. Nur die Vermutung, dass sie weniger mit Herkunft zu tun hat als mit Gewohnheiten. Damit, ob eine Gruppe es sich zur Regel macht, die eigene Rangordnung genauso zu prüfen wie die fremde.
Wie Zugehörigkeit hergestellt wird und wer dabei jeweils hinausfällt, ist eine der Fragen, an denen ich auf meinem Kanal weiterarbeite, in Geschichte wie in Gegenwart. Falls du eine Situation kennst, in der dir aufgefallen ist, dass du selbst sortierst, schreib sie mir.
KardiKassin
Quellen:
- Al Jazeera, „More than 900 arrested during South Africa’s anti-migrant protests“, 2. Juli 2026: https://www.aljazeera.com/news/2026/7/2/more-than-900-arrested-during-south-africas-antimigrant-protests
- Sowetan, „There will be arrests: Ramaphosa warns those fuelling anti-immigrant violence“, 26. August 2026: https://www.sowetan.co.za/news/2026-08-26-there-will-be-arrests-ramaphosa-warns-those-fuelling-anti-immigrant-violence/
- Daily Maverick, „Operation Dudula blockades deny migrants access to at least 53 clinics countrywide“, 25. August 2025: https://www.dailymaverick.co.za/article/2025-08-25-operation-dudula-blockades-deny-migrants-access-to-at-least-53-clinics-countrywide/
- News24, „Court rules Operation Dudula’s conduct at hospitals and clinics was xenophobic and unlawful“, 4. November 2025: https://www.news24.com/southafrica/crime-and-courts/court-rules-operation-dudulas-conduct-at-hospitals-and-clinics-was-xenophobic-and-unlawful-20251104-0562
- Daily Maverick, „A not-so-odd couple: AfriForum and March and March’s dangerous alliance“, 25. August 2026 (Meinungsbeitrag von Rebecca Walker, Iriann Freemantle und Sharon Ekambaram): https://www.dailymaverick.co.za/article/2026-08-25-a-not-so-odd-couple-afriforum-and-march-and-march-s-dangerous-alliance/
- The Citizen, „Why dialogue between March and March and AfriForum is not betrayal“ (Gegenposition): https://www.citizen.co.za/news/opinion/why-dialogue-between-march-and-march-and-afriforum-is-not-betrayal/
- Statistics South Africa, Quarterly Labour Force Survey, zweites Quartal 2026 (Arbeitslosenquote 33,6 Prozent): https://www.statssa.gov.za/
- South African History Online zu den Frontstaaten und zum Exil der Befreiungsbewegungen: https://sahistory.org.za/article/1960-1994-armed-struggle-and-popular-resistance
- Übersichtsdarstellungen zu den Angriffen im Mai 2008 sowie zu den Wellen 2015 und 2019: https://en.wikipedia.org/wiki/May_2008_South_Africa_riots und https://en.wikipedia.org/wiki/Xenophobia_in_South_Africa
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