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29. August 2026Ein Land verbietet, was es verkauft: Fruchtvapes, China und eine sehr alte Frage
Lesezeit: ca. 6 Minuten
Ein Vape-Shop-Betreiber in Peking erklärt in einer Reportage des ZDF-auslandsjournals vom Frühjahr 2024, warum er nur noch Tabakgeschmack verkaufen darf: Damals war der größte Teil der Käufer Kinder und junge Leute, Studierende, deshalb hat die Regierung den Verkauf verboten.
Ein Satz. Von jemandem, dessen Geschäft davon betroffen war. Kein jahrelanges Anhörungsverfahren, keine Verbändestellungnahme, keine Notifizierung. Kinder kaufen das Zeug, also weg damit.
Genial – finde ich. Warum geht das bei uns nicht?
Was in China wirklich passiert ist
Kurz die Fakten, damit wir nicht mit einer halben Geschichte weiterreden. Seit dem 1. Oktober 2022 dürfen in China nur noch E-Zigaretten mit Tabakgeschmack verkauft werden. Frucht, Cola, Kaugummi, alles raus. Schon 2019 war der Onlineverkauf verboten worden, dazu kamen Warnhinweise auf den Packungen und die Regel, dass Vape-Läden nicht in der Nähe von Schulen stehen dürfen.
Der offizielle Grund war Jugendschutz. Der Fruchtgeschmack, so die Behörden, verführt Nichtraucher zum Anfangen. Und die Käufer waren nun mal überwiegend jung.
Jetzt kommt der Teil, der die Sache erst richtig interessant macht. Über 90 Prozent aller E-Zigaretten weltweit werden in China hergestellt, ein großer Teil davon in Shenzhen. Diese Fabriken produzieren weiter. Eine einzige davon kann bis zu eine Million Vapes am Tag herstellen. Nur eben nicht mehr für China. Sondern für uns.
Die chinesische Staatsführung hat es den Exporteuren sogar erleichtert. Es gibt eine Liste, und wer draufsteht, kommt mit weniger Kontrollen durch den chinesischen Zoll. Der deutsche Marktführer Elfbar bestätigt auf Anfrage, dass er auf dieser Liste steht.
Heißt: Ein Land hat entschieden, dass ein Produkt für die eigenen Kinder zu gefährlich ist. Und exportiert es seitdem millionenfach in Länder, in denen die Kinder offenbar weniger zählen.
Und Deutschland?
Auf dem Papier haben wir Regeln. Verkauf nur ab 18, maximal 2 Milliliter im Tank, 600 Züge pro Gerät. Klingt ordentlich.
In der Praxis sah es schon 2024 anders aus. Die Charité in Berlin meldete Anfang jenes Jahres, dass sich der Anteil der rauchenden 14- bis 17-Jährigen seit 2021 fast verdoppelt hat und rund jedes vierte Schulkind schon einmal an einer E-Zigarette gezogen hat. Ein Kioskbetreiber erzählt in derselben Reportage, er sehe Kinder unter zehn mit Vapes in der U-Bahn stehen. Der Zoll hatte in einem einzigen Fall 40.000 geschmuggelte Geräte beschlagnahmt und ging von rund 430.000 aus, die schon im Land waren. Geräte mit 15.000 Zügen, in Deutschland verboten, gibt es an jeder Ecke.
Und die Politik? Seit Januar 2026 liegt ein Entwurf vor, der 13 Aromastoffe verbieten soll, darunter Menthol und ein paar Kühlstoffe. Bis das gilt, vergehen nach Einschätzung der Branche noch Monate, eher bis Anfang 2027. Ein echtes Fruchtverbot wie in China ist bislang nur ein Gedanke des Drogenbeauftragten, kein Gesetz.
China hat 2022 entschieden. Wir diskutieren 2026 noch. Da frage ich mich ernsthaft?! Wir tun ja etwas. Wir brauchen nur Jahre für etwas, das ein anderes Land in einem Satz begründen konnte.
Die Frage ist alt. Sehr alt.
Wenn du Geschichte machst, hast du irgendwann einen Reflex. Du hörst eine Nachricht und denkst: Das kenne ich doch.
Ich musste bei dieser Reportage sofort an das Jahr 1839 denken. Damals stand ein chinesischer Beamter namens Lin Zexu im Hafen von Kanton und ließ über tausend Tonnen Opium vernichten. Das Opium kam aus Britisch-Indien, gehandelt von britischen Firmen, und war in China seit Jahrzehnten verboten. Die Kaiser hatten den Handel mehrfach verboten, ohne Erfolg. Das Zeug kam trotzdem, kistenweise, geschmuggelt, und ein wachsender Teil der Bevölkerung war abhängig.
Lin Zexu schrieb damals einen Brief an Königin Victoria. Er fragte sie sinngemäß, wie ein Land etwas nach China verkaufen könne, das es seinen eigenen Leuten verbiete. Er ging fest davon aus, dass Opium in Großbritannien verboten sei.
Darin lag ein Irrtum. Opium war in Großbritannien damals frei erhältlich, als Tropfen in jeder Apotheke. Die Doppelmoral, die Lin den Briten unterstellte, gab es in dieser Form gar nicht. Die Briten fanden Opium für alle in Ordnung. Sie wollten nur den Markt.
Der Brief kam nie bei der Königin an. Statt einer Antwort kam die Flotte. Der Erste Opiumkrieg endete 1842 mit dem Vertrag von Nanking, China musste Häfen öffnen, Hongkong abtreten und für das vernichtete Opium zahlen. Der Handel lief weiter, jetzt mit Kanonen im Rücken.
Was sich gedreht hat
Und jetzt schau dir die Vapes noch mal an.
Das Land, das damals der Empfänger war, ist heute der Produzent. Das Produkt, das damals gegen ein Verbot ins Land gedrückt wurde, wird heute unter einem Verbot aus dem Land herausgeschickt. Und die Doppelmoral, die Lin Zexu 1839 den Briten fälschlich unterstellte, gibt es heute tatsächlich. Ein Staat sagt: zu gefährlich für unsere Kinder. Und stellt gleichzeitig eine Exportliste auf.
Niemand zwingt uns. Es gibt keine Flotte vor Hamburg. Es gibt nur einen Markt, der offen ist, und eine Regierung, die vier Jahre braucht, um über Menthol zu reden.
China beschäftigt mich dabei weniger als die Frage, warum eine Entscheidung, die dort in einem Satz begründet wurde, bei uns zu einer Endlosschleife aus Entwürfen, Fristen und Anhörungen wird. Man kann das Rechtsstaatlichkeit nennen. Man kann es auch Lähmung nennen. Wahrscheinlich ist es beides.
Ein Vertreter des Herstellers sagt in der Reportage übrigens einen Satz, der auch aus dem 19. Jahrhundert stammen könnte: Man kann sie nicht einfach verbieten, man muss erkennen, dass es dafür einen Bedarf gibt. Die britischen Opiumhändler hätten das genauso unterschrieben.
Kritisch hinterfragt
Bevor du jetzt mit mir China bewunderst, ein paar Dinge, die ich mir selbst entgegenhalten muss.
Das chinesische Verbot kam von der staatlichen Tabakmonopolverwaltung. Dieselbe Behörde kontrolliert die China National Tobacco Corporation, den größten Tabakkonzern der Welt. Der Staat, der Kinder vor Fruchtvapes schützt, verdient gleichzeitig an jeder Zigarette im Land. Die Vape-Regulierung von 2022 hat die gesamte Branche unter dieses Monopol gezwungen. Ob das Jugendschutz war oder Marktbereinigung zugunsten des Staatskonzerns, kann ich aus den Fakten nicht entscheiden. Beides passt zu den Daten.
Zweitens: Verbote in einem Land, in dem sich Regierungen nicht vor Wählern oder Gerichten rechtfertigen müssen, sind schneller. Das ist kein Argument für dieses System, es ist eine Beschreibung. Die deutsche Langsamkeit hat dieselbe Wurzel wie die deutschen Grundrechte.
Drittens: Verbote verschieben Märkte, sie beenden sie selten. Estland hat ein Aromenverbot 2021 nach Schwarzmarktproblemen wieder aufgehoben. In Dänemark nutzten laut einer dortigen Erhebung fast zwei Drittel der Dampfer nach dem Verbot weiter illegale aromatisierte Liquids. Und der Opiumhandel lief trotz kaiserlicher Verbote ebenfalls ungebremst. Ein Verbot ist ein Statement, keine Lösung.
Und viertens: Ich vergleiche hier ein Suchtmittel, das Gesellschaften zerstört hat, mit einem Produkt, das nach manchen Studien weniger schädlich ist als Tabak. Der Vergleich trägt bei der Frage nach Doppelmoral und Exportlogik. Bei der Frage nach der Schwere des Schadens trägt er nicht. Das muss ich sauber trennen.
Trotzdem erkenne ich das Muster wieder, und deshalb schreibe ich das hier überhaupt auf. Der, der produziert, sieht den Bedarf. Der, der empfängt, sieht die Kinder. Und dazwischen steht ein Zoll, der hunderttausende Kisten findet und weiß, dass es Millionen sind.
KardiKassin
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