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Kardi Kassin · 22. Okt. 2026 · 5 Min. Lesezeit
Ich lese mich seit ein paar Tagen in die Geschichte des Reichs Ghana ein. Es geht dabei nicht um das heutige Ghana an der westafrikanischen Küste, sondern um ein älteres Reich im Sahel, weiter nördlich, benannt nach einem Herrschertitel. Und ausgerechnet ein archäologischer Befund aus der Vorgeschichte dieses Reichs hat mich bislang am meisten fasziniert: wie die Landschaft aussah, bevor sie zur Wüste wurde, in der das Reich später lag.
In einer Studie zu Mauretanien steht eine Fundliste aus Tierknochen: Nilpferd, Nilkrokodil, Python, Löwe, Nashorn, mehrere Antilopenarten. Der Fundort liegt im Dhar Tichitt, mitten in der heutigen Sahara. Das ist der archäologische Normalbefund einer ganzen Region, über mehr als tausend Jahre.
Die Landschaft, bevor sie Wüste wurde
Die Siedlung Bou Khzama im benachbarten Dhar Nema ist ab etwa 2280 bis 2060 vor Christus radiokarbondatiert, mitten in einer Feuchtphase, die Archäologen die Nouakchottian-Periode nennen, ungefähr 3050 bis 1050 vor Christus. Erst ab etwa 550 vor Christus beginnt die Region laut dem Archäologen Augustin Holl spürbar auszutrocknen. Das ganze Fenster dazwischen, mehr als zweitausend Jahre, war also deutlich feuchter als heute.
Drei Seentypen sind für die Region belegt: Seen am Fuß der Felsklippen, gespeist aus dem Einzugsgebiet, Seen in den Senken zwischen den Dünen, gefüllt vom steigenden Grundwasser und vom Regen, und Seen entlang der saisonalen Flussläufe. Ablagerungen von Kieselalgen zeigen flaches, teils brackiges Wasser mit Ufer- und Flachwasserarten, wie man sie heute eher aus tropischen Gewässern kennt. Pollenfunde aus derselben Zeit bestätigen das Bild. Gräser und Sträucher dominieren, dazu vier Baumarten, darunter Akazien und die Wüstendattel, die trotz ihres Namens feuchtere Böden braucht als reine Wüste.
Die Tierknochen füllen dieses Bild weiter auf. Fisch, Nilkrokodil, Python und Flusspferd belegen offene Gewässer. Wasserbock, Elenantilope und Riedbock brauchen regelmäßigen Zugang zu Wasser. Erst am Rand der Liste tauchen Arten auf, die auch Trockenheit aushalten, etwa die Mendesantilope. Die Menschen, die dort siedelten, waren keine reinen Jäger und Sammler. Sie hielten bereits Rinder, Schafe und Ziegen und bauten von Beginn an große, dauerhafte Dorfanlagen aus Trockenmauerwerk, mit mehreren Hektar Fläche. Das war keine kurze Zwischenstation, sondern ein funktionierendes Leben in einer Savannenlandschaft mit Wasserstellen, nicht in Dünen.
Eine Theorie, die die neuere Forschung korrigiert
Lange galt für diese Region ein bestimmtes Erklärungsmodell, wie aus wilden Pflanzen Ackerbau wurde. Die Idee, zurückgehend auf den Archäologen Patrick Munson aus den 1970er Jahren, lautete ungefähr so: Erst siedelten Hirten, die nebenbei Wildgräser sammelten. Das Bevölkerungswachstum, das dadurch möglich wurde, zwang sie irgendwann zu arbeitsintensiverer Nutzung derselben Pflanzen, und daraus entstand schrittweise die Landwirtschaft. Als Beleg diente unter anderem der steigende Anteil von Hirseabdrücken in Tonscherben, der in der sogenannten Chebka-Phase, um 1000 bis 900 vor Christus, auf 61 Prozent kletterte. Eine schöne, stufenweise Geschichte.
Nur hält sie der neueren Auswertung desselben Forschungsgebiets nicht stand. Funde aus Oued Chebbi im benachbarten Dhar Walata zeigen bereits domestizierte Hirse zu Beginn des zweiten Jahrtausends vor Christus, also deutlich früher als das stufenweise Modell erlaubt. Augustin Holl schreibt dazu 2009 in seiner aktualisierten Auswertung, dieser frühe Fund mache das gradualistische Modell „sehr unwahrscheinlich“. Die Domestizierung war demnach kein langsamer, planvoller Prozess über Jahrhunderte, sondern eher ein Nebeneffekt: Wilde Hirse reagierte auf die regelmäßige Nutzung durch Menschen und Vieh mit größeren, nicht mehr von selbst ausfallenden Körnern, schneller als die ältere Theorie annahm.
Ein einzelner neuer Fund reicht, um eine jahrzehntealte, gut etablierte Erklärung zu kippen.
Das ist auch ein brauchbarer Prüfstein für dich selbst, wenn dir jemand ein Thema als „längst erforscht“ verkauft: Frag nach dem Jahr der zitierten Studie, bevor du eine Zahl oder ein Modell für gesichert hältst.
Vom Dorf zum Reich? Eine vorsichtige Linie zu Ghana
In ihrer besten Phase war die Region nach einem Muster organisiert, das Archäologen primate model nennen. Vier große Hauptorte dominierten jeweils ein eigenes Gebiet mit mittleren und kleinen Siedlungen darum, manche mit Schutzmauern und großen Viehgehegen. Die Gesamtbevölkerung aller erfassten Fundstellen wird auf 5.400 bis 10.800 Menschen geschätzt. Eine ältere Erklärung für diese Entwicklung, die sogenannte Hamitic hypothesis, ging von einer Reichsgründung durch eine eingewanderte Familie aus dem Nahen Osten aus. Holl nennt diese Idee unverblümt einen überholten Diffusionismus und verwirft sie vollständig. Die Komplexität entstand demnach vor Ort, nicht durch Zuwanderung von außen.
Am Fundort Bou Khzama selbst reicht die Besiedlung durchgehend von rund 2280 vor Christus bis ins 13. und 14. Jahrhundert nach Christus, inklusive Eisenschmelzöfen und Schlackehalden aus einer deutlich späteren Phase, zur Zeit des Ghana-Reichs. Genau an dieser Stelle wird es verlockend, eine gerade Linie von den ersten Hirtendörfern bis zum Reich zu ziehen. Holl selbst bleibt aber vorsichtig. 1985 schreibt er, der Zusammenhang mit Ghana sei „weiterhin unbekannt“, 2009 etwas offener, die Bevölkerung könne „später zum Aufstieg des Ghana-Reichs beigetragen haben“. Zwischen dem Ende der Dhar-Tichitt-Besiedlung und den frühesten gesicherten Ghana-Fundorten wie Koumbi-Saleh liegen mehrere Jahrhunderte, die archäologisch bislang nicht lückenlos belegt sind.
Kritisch hinterfragt
Eine Einschränkung gehört unbedingt dazu. Die Tierliste mit Löwe und Nilpferd ist nicht exakt auf die 220 Jahre zwischen 2280 und 2060 vor Christus datiert, sondern auf den archäologischen Gesamtbefund der gesamten, anderthalb Jahrtausende langen Dhar-Tichitt-Besiedlung. Für das frühe Datum selbst lässt sich sauber sagen: feuchte Savanne, Seen, Weideland. Nicht, dass genau in diesem Jahrzehnt ein bestimmtes Tier dort nachweislich lebte.
Und noch etwas fällt mir an der eigenen Begeisterung auf. Ich habe die Sahara in meinen Videos selbst oft wie eine zeitlose Kulisse behandelt, als wäre sie immer diese Wüste gewesen. Genau dieser Reflex, eine heutige Landschaft in die Vergangenheit zurückzuprojizieren, ist Teil dessen, was ich hier gerade an anderen vorgeführt sehe, nur eben mit Klima statt mit Herkunft oder Religion. Dazu kommt, dass die genauere, neuere Studie zu diesem Fundort vom selben Forscher stammt wie die ältere, nur 24 Jahre später. Für echten Quellenplural fehlt also noch eine wirklich unabhängige zweite Stimme, die ich in den nächsten Wochen suchen werde.
Wie sich Landschaften über Jahrtausende verändern und wie man das beim Lesen alter Reiche mitdenken muss, ist einer der roten Fäden meiner aktuellen Afrika-Recherche. Auf meinem YouTube-Kanal geht es in den kommenden Wochen genau darum, also schau gern vorbei.
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- Augustin F.C. Holl, „Coping with uncertainty. Neolithic life in the Dhar Tichitt-Walata, Mauritania (ca. 4000-2300 BP)“, Comptes Rendus Géoscience 341, 2009, S. 703–712. DOI
- Augustin Holl, „Background to the Ghana Empire. Archaeological Investigations on the Transition to Statehood in the Dhar Tichitt Region (Mauritania)“, Journal of Anthropological Archaeology 4, 1985, S. 73–115.





