
Mkwawas Schädel: Ein Vertragsartikel, ein falscher Schädel, ein echter Zahn
16. Oktober 2026Ehefrau Erwerbstätigkeit BGB: Was bis 1977 galt
19. Oktober 2026Warum ein fremder Name manchmal die ganze Geschichte überschreibt
6 Minuten, und danach traust du weder einem Reichsnamen noch einer einzelnen Zahl blind.
Kardi Kassin · 18. Okt. 2026 · 6 Min. Lesezeit
Manche Namen überleben nicht, weil sie stimmen. Sie überleben, weil niemand sie noch einmal nachgeprüft hat. Ein westafrikanisches Reich, das im frühen Mittelalter für seinen Goldreichtum berühmt war, heißt in praktisch jedem Geschichtsbuch Ghana. Sein eigenes Volk hat sich selbst nie so genannt. Und das ist nur der Anfang einer Geschichte, bei der sich gleich drei verschiedene Annahmen als brüchig erweisen, sobald man sie an der eigentlichen Quelle prüft.
Bevor es diesen Namen überhaupt gab, lebten in den Oasen der westlichen Sahara seit über zweitausend Jahren sesshafte Gemeinschaften, Vorfahren der Soninke. Das Kamel kam erst um die Zeitenwende in die Sahara, erst danach wurde der Handel durch die Wüste in größerem Umfang möglich. Mit der fortschreitenden Austrocknung der Sahara und dem Druck einwandernder Sanhadscha-Nomaden zogen sich diese Gemeinschaften weiter nach Süden zurück, in genau die Region, in der später das Reich entstand, das wir heute Ghana nennen.
Ein Königstitel wird zum Reichsnamen
Die arabischen Geografen des Mittelalters kannten ein Reich im westlichen Sahel, das sie Ghana nannten. Nur ist Ghana gar kein Ortsname. Es ist der Titel des Königs, auf Malinke etwa Kriegsherr.
Das Volk selbst, die Soninke, nannte sein Reich Wagadu. Die Malinke nannten dieselbe Region Baghana. In der eigenen mündlichen Überlieferung der Soninke taucht der Name Ghana an keiner Stelle auf, nicht einmal in ihrer wichtigsten schriftlichen Chronik, dem Ta'rikh al-Fattash.
Erst ein Gelehrter aus Timbuktu, al-Sadi, setzte im 17. Jahrhundert beide Namen gleich, weil auch die Hauptstadt des einen Reichs Ghana genannt wurde. Zwischen dem Reich selbst und dem Namen, unter dem wir es heute kennen, liegen also mindestens sechshundert Jahre und eine fremde Übersetzung. Der Name hat sich trotzdem durchgesetzt, einfach weil er zuerst aufgeschrieben wurde.
Eine Sage, zweimal falsch gelesen
Wie die Hauptstadt dieses Reichs aussah, beschreibt der arabische Reisende al-Bakri 1067 genauer als jede andere Quelle. Zwei Städte nebeneinander, ein muslimisches Handelsviertel und die heidnische Königsstadt al-Ghaba. Der König hielt sich dort ein Monopol auf besonders große Goldnuggets, angeblich weil sie eine gefährliche Kraft trügen, die nur er aushalten könne. Ein religiöser Glaube und, ganz praktisch, auch ein Wirtschaftsmonopol.
Wie das Reich endete, erzählen die Soninke selbst anders. In ihrer Sage lebte eine Schutzschlange namens Bida, die das Reich am Leben hielt, solange man ihr opferte. Irgendwann wurde sie enthauptet, danach kam die Dürre, mit der Dürre der Niedergang. Eine Sage, keine Chronik.
Der Afrikahistoriker Nehemia Levtzion versuchte 1973 trotzdem, genau diese Enthauptung als verschlüsselten historischen Bericht zu lesen, als Bruch mit der angestammten Religion, verpackt in ein Bild. Zehn Jahre später werteten David Conrad und Humphrey Fisher alle siebzehn bekannten Versionen der Wagadu-Sage systematisch aus. In keiner einzigen fand sich ein Hinweis auf einen religiösen Bruch. Alle siebzehn benannten dasselbe. Dürre, nicht Religion.
Dieselbe Prüfung traf eine zweite, noch verbreitetere Behauptung. Die meisten Überblicksdarstellungen erzählen, 1076 hätten die Almoraviden, eine religiöse Berberbewegung aus der Sahara, Ghana erobert. Conrad und Fisher fanden auch diese Eroberung in keiner der siebzehn Versionen. Noch deutlicher wird es bei einem Gelehrten aus dem 16. Jahrhundert, Ahmad Baba aus Timbuktu. Sein eigener Satz dazu ist eindeutig. "Die Sudanesen sind zum Islam übergetreten, ohne von irgendjemandem erobert zu werden." Ein Zeitzeuge, der die Eroberungserzählung selbst für falsch hält, nicht erst eine spätere Forschungsmeinung. Trotzdem steht die Eroberung in jedem zweiten Überblickstext, obwohl sie in den eigentlichen Quellen nirgends zu finden ist.
"If you ask whether the Muslims among the people of the Sudan accepted Islam through being conquered or whether they professed it voluntarily, […] they accepted Islam without being conquered by anybody."
— Ahmad Baba, zitiert nach Conrad/Fisher 1983, S. 69
Der Rezensent, der sofort widersprach
Am auffälligsten ist, wie schnell Levtzions Buch von Fachkollegen korrigiert wurde, und an wie vielen Stellen gleichzeitig. Ein Jahr nach seinem Erscheinen veröffentlichte P.F. de Moraes Farias eine Fachrezension mit drei getrennten Einwänden. Erstens die Almoraviden-Frage selbst. Levtzion hatte Berber und Sudanesen als jahrhundertealte Gegner beschrieben. Doch die Quelle, die er dafür selbst zitierte, al-Bakri, zeigt etwas anderes. Die meisten Minister am Hof des heidnischen Königs waren Muslime. Kooperation, nicht Krieg, stand schon in der eigenen zitierten Quelle, nur hatte das niemand konsequent zu Ende gelesen.
Zweitens zu einer einzelnen Zahl. Levtzion schreibt, das Goldfeld Bouré habe etwa achtmal so viel Gold geliefert wie das ältere Feld Bambuk, eine Zahl aus einer Studie von Raymond Mauny aus dem Jahr 1961. Farias weist nach, dass sich diese Zahl auf das sechzehnte bis neunzehnte Jahrhundert bezieht, nicht auf die mittelalterliche Zeit von Ghana und Mali. Eine moderne Zahl, einfach auf eine sechshundert Jahre ältere Epoche übertragen.
Drittens zu etwas, das im Buch gar nicht vorkommt. Antike Berichte beschreiben einen sogenannten stummen Handel, bei dem Gold gegen Waren getauscht wurde, ohne dass sich Käufer und Verkäufer je zu Gesicht bekamen. Levtzion gibt diese Berichte unkommentiert als plausible Fakten wieder. Der Forscher Sundström hatte aber schon 1965 grundsätzlich bezweifelt, dass es diese Form des Handels im mittelalterlichen Westafrika überhaupt gegeben hat. Diese Debatte taucht in Levtzions Buch an keiner Stelle auf.
Ein Name, der zweimal vergeben wurde
"Ghana" blieb nicht nur der Name eines Reiches, das sich selbst nie so nannte. 1957 bekam ein ganz anderes Land genau diesen Namen ein zweites Mal, und zwar ganz bewusst. Als die britische Kolonie Gold Coast unabhängig wurde, entschied sich die neue Führung nach jahrelanger Diskussion und historischer Spekulation für den Namen Ghana. Kwame Nkrumah sagte dazu im Mai 1956 einen Satz, der bis heute zitiert wird. "Wir sind stolz auf den Namen, nicht aus Romantik, sondern als Inspiration für die Zukunft." Im englischen Original hieß es so. "We take pride in the name, not out of romanticism but as an inspiration for the future."
Zwischen beiden Ghanas liegen mehrere hundert Kilometer. Das alte Reich lag am Rand der Sahara, das neue am Atlantik. Levtzion selbst ordnet die Verbindung zwischen beiden als rein symbolisch ein, nicht als geografische oder genealogische Kontinuität. Bei Mali sieht er das anders. Dort liegt der Großteil des historischen Reichsgebiets tatsächlich innerhalb der heutigen Republik.
Zwei Länder, zwei verschiedene Beziehungen zur eigenen Vergangenheit. Das eine erbt ein Territorium. Das andere erbt nur einen Namen und entscheidet sich trotzdem bewusst dafür.
Kritisch hinterfragt
Bei einem früheren Beitrag zu Great Zimbabwe ist genau das passiert. Dort stand, der Archäologe Peter Garlake sei wegen seiner Forschung eingesperrt und ausgewiesen worden. Das stimmte nicht, er ist zurückgetreten und freiwillig gegangen. Die falsche Behauptung kam aus einem pauschalen Satz über Archäologen in der Region allgemein, der an einen konkreten Namen gehängt wurde, ohne die Quelle zu diesem Namen selbst zu prüfen.
Genau das ist der Fehler, der auch Levtzions Buch jahrelang getragen hat, nur größer und mit mehr Publikum. Ein Standardwerk ist offenbar kein Endpunkt, sondern eine Momentaufnahme, die die nächste gründliche Lektüre schon wieder verschiebt.
Noch etwas fällt auf. Wer korrigiert hier eigentlich wen? Levtzion, Conrad, Fisher und Farias sind alle an westlichen Universitäten ausgebildet, in Israel, Großbritannien, den USA und Birmingham. Die stärkste Entkräftung der Eroberungserzählung kommt aber von einem westafrikanischen Gelehrten selbst. Ahmad Baba aus Timbuktu schrieb das schon im 16. Jahrhundert, vierhundert Jahre vor Conrad und Fisher. Die westliche Forschung hat hier nicht entdeckt, sondern nachträglich bestätigt, was längst gesagt war.
Und selbst eine Bestätigung reicht offenbar nicht, damit ein Irrtum verschwindet. Bei der Recherche zu diesem Beitrag fand ich bei World History Encyclopedia, einem oft genutzten Online-Nachschlagewerk, die angebliche Eroberung von 1076 noch immer als gesicherten Fakt, über vierzig Jahre nach der Widerlegung. Ein einmal erzähltes Stigma hält sich in der Forschung offenbar hartnäckiger als die Fakten, die es widerlegen sollten.
Wagadu, Ghana, die Eroberung, die nie stattfand, die Zahl, die sechshundert Jahre zu spät passt. Was von einem alten Reich am Ende übrig bleibt, hängt offenbar weniger davon ab, was wirklich passiert ist, als davon, wer als Erster aufgeschrieben hat, was angeblich passiert ist.
Wie sich unser Bild von Afrika zusammensetzt, und wie hartnäckig sich einzelne Erzählungen darin halten, ist auch das Thema meines kostenlosen Guides "Made in Germany". Welche Reiche Westafrikas vor der Kolonialzeit noch eigene Namen und eigene Geschichten verloren haben, verfolge ich außerdem gerade Woche für Woche auf meinem YouTube-Kanal.
12 Seiten darüber, wie dein Bild von Afrika überhaupt entstanden ist, und wie du es selbst prüfen kannst.
- Nehemia Levtzion, Ancient Ghana and Mali, Methuen & Co, 1973.
- J. F. Ade Ajayi / Michael Crowder (Hg.), History of West Africa, Volume One, Longman, 1971 (Kap. 4).
- David C. Conrad / Humphrey J. Fisher, "The Conquest That Never Was. Ghana and the Almoravids, 1076. II. The Local Oral Sources", History in Africa 10, 1983.
- P.F. de Moraes Farias, "Great States Revisited", Journal of African History 15/3, 1974.




