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21. Juli 2026Testosteron und Männlichkeit: Der Glaube war vor dem Hormon da
„Gender affirming care für alle Soldaten.“
Diesen Satz hat jemand unter eine Nachrichtenmeldung geschrieben. Es ging darum, dass der US-Verteidigungsminister künftig bei Soldaten ab 30 den Testosteronwert messen lassen will. Das Intressante: Der Kommentar hat über hundert Likes bekommen. Und er beschäftigt mich, weil er in vier Worten etwas trifft, worüber wir sonst stundenlang streiten würden: Testosteron und Männlichkeit sind bei uns so fest verklebt, dass beide Seiten dasselbe Werkzeug benutzen und es nicht mal merken.
Ich schreib das nicht, um jemanden vorzuführen. Weder den Minister, noch den Menschen, der den Kommentar abgesetzt hat. Ich hab nur eine Beobachtung gemacht, di ich dir gerne aufzeigen möchte …
Was in dieser Kommentarspalte wirklich passiert ist
Ich hab die Spalte unter der Meldung gelesen. Kommentare über Kommentare. Nicht meine Spalte, ich war nur Leser.
Der mit Abstand beliebteste Gedanke war nicht: Ist so ein Test medizinisch sinnvoll? Sondern: dann bitte auch ein Alkotest für Regierungsbeamte. Drogentests für Republikaner. Monatliche psychische Gutachten für Präsidenten. Hunderte Likes. Der Vorschlag wird also nicht bestritten, er wird umgedreht und zurückgeschickt.
Die zweite große Welle war die mit den geliehenen Wörtern. Sinngemäß: Hormontherapie ist also doch in Ordnung? Männlichkeit ist also doch ein Spektrum? Gender affirming care für alle Soldaten, happy pride. Das sind alles Begriffe, die aus einem völlig anderen politischen Lager kommen. Hier wurden sie benutzt, um genau dieses Lager zu treffen.
Und dann, in derselben Spalte, ein zäher Nebenstreit darüber, ob man Soldat:innen überhaupt so schreiben darf.
Am meisten auffälig? Die paar Menschen, die sachlich wurden, die über Rezeptoren geschrieben haben, über den Unterschied zwischen einer Ersatztherapie und Bodybuilding, über normale Schwankungen ab 30, hatten die niedrigsten Like-Zahlen der ganzen Spalte. Drei Likes. Dreizehn. Daneben dreihundert für einen Witz. So wie ich das lese, wollte an dem Tag schlicht niemand mehr über das Hormon reden.
Warum es mich beschäftigt?
Wer „gender affirming care für alle Soldaten“ schreibt, macht in Wahrheit etwas ziemlich Kluges. Er legt einen Widerspruch offen, ohne ihn zu erklären. Eine Regierung, die Hormonbehandlungen für ein Ideologieprojekt hält, will jetzt selbst Hormone messen und im Zweifel behandeln lassen. Der Witz braucht keine Fußnote. Er sitzt sofort.
Trotzdem bleib ich an einer Stelle hängen. Der Witz funktioniert nämlich nur, wenn beide Seiten dieselbe Grundannahme teilen. Nämlich die: Männlichkeit ist eine Substanz. Man kann sie messen. Man kann sie auffüllen. Und wenn zu wenig davon da ist, dann stimmt etwas nicht mit dem Mann.
Der Minister glaubt das offensichtlich. Aber der Kommentar glaubt es auch, sonst wär die Pointe keine. Der Spott sagt ja nicht: die Zahl ist Unsinn. Der Spott sagt: mit dieser Zahl erwischen wir dich.
Und genau da wollte ich wissen, woher das eigentlich kommt. Weil das mein Reflex ist, bei fast allem: Seit wann ist das eigentlich so, und war es das immer? Die Antwort hat mich dann härter erwischt als gedacht.
Ich sag auch ehrlich, warum mich das persönlich angeht. Ich bin nicht der Typ, der da von außen draufschaut und sich amüsiert. Ich kenn das Gefühl, dass irgendwo eine Messlatte hängt, an der man ablesen kann, ob man reicht. Bei mir waren das nie Laborwerte, sondern andere Zahlen, andere Vergleiche. Aber der Mechanismus ist derselbe: Man sucht sich eine Größe, die objektiv aussieht, und legt eine Frage rein, die überhaupt nicht objektiv ist. Und dann fühlt sich das Ergebnis wie ein Urteil an. Deswegen hab ich bei dieser Meldung nicht sofort mitgelacht.
Testosteron und Männlichkeit: Der Glaube kam zuerst, das Hormon kam später
Hier ist der Punkt, an dem sich das Bild für mich gekippt hat und ich tatsächlich überrascht war …
Testosteron wurde erst 1935 zum ersten Mal isoliert. Erst da hatte jemand den Stoff tatsächlich im Reagenzglas. Das Wort selbst ist also jünger als der Erste Weltkrieg. Jünger als das Radio. Jünger als die Weimarer Republik.
Der Boom rund um männliche Drüsen, um Verjüngung, um Kraft und Potenz und das Auffüllen verlorener Männlichkeit, der lief da schon seit fast fünfzig Jahren.
Heißt im Klartext: Männer haben sich jahrzehntelang operieren lassen, um einen Stoff nachzufüllen, den zu diesem Zeitpunkt kein Mensch auf der Welt kannte. Der Glaube an die Substanz war vor der Substanz da. Und das ist für mich der eigentliche Aha an dieser ganzen Geschichte.
Der Arzt, der sich Hodenextrakt spritzte
Angefangen hat es 1889 in Paris. Charles-Édouard Brown-Séquard, damals 72 Jahre alt und ein hoch angesehener Physiologe, hielt vor der Société de Biologie einen Vortrag. Sein Thema: Er hatte sich selbst Extrakte aus Hoden von Hunden und Meerschweinchen injiziert. Und er berichtete, er fühle sich verjüngt. Kraft zurück, Kopf klarer, alles besser.
Aus heutiger Sicht war das mit ziemlicher Sicherheit ein Placeboeffekt. In den Extrakten war praktisch kein wirksames Hormon drin, dafür waren die Mengen viel zu klein. Aber der Vortrag ging um die Welt. Und er hat eine Idee in Umlauf gebracht, die bis heute nicht mehr rausgeht: dass in den Hoden ein Saft sitzt, der den Mann zum Mann macht, und dass man diesen Saft nachfüllen kann.
Kein Molekül. Keine Messung. Keine Zahl. Nur eine Idee, und ein alter Mann, der sich besser fühlte.
Als tausende Männer sich Affenhoden einsetzen ließen
Dreißig Jahre später wurde daraus ein Geschäft.
Am 12. Juni 1920 setzte der Chirurg Serge Voronoff in Paris einem Patienten dünne Scheiben von Schimpansenhoden in den Hodensack ein. Voronoff hatte das vorher an über fünfhundert Schafen, Ziegen und einem Bullen ausprobiert und war überzeugt, die alten Tiere seien danach wieder vital gewesen.
Was dann passierte, war kein Nischenphänomen. Voronoff selbst führte bis in die 1930er hunderte solcher Operationen durch. Weltweit ging die Zahl in die Tausende, in den USA, in Brasilien, in Indien, in der Sowjetunion. Der Bedarf an Schimpansen und Pavianen war zeitweise kaum zu decken. Voronoff baute sich an der französischen Riviera ein eigenes Affenhaus.
Und es gab sogar einen Cocktail dazu, den Monkey Gland, angeblich in einer Pariser Bar erfunden und nach ihm benannt. So populär war das.
In Wien machte Eugen Steinach dasselbe Versprechen mit einem anderen Eingriff, einer Vasoligatur, im Volksmund einfach „sich steinachen lassen“. Und das war kein Randphänomen: Allein in Wien sollen sich in den Zwanzigern über hundert Mitglieder der akademischen Gesellschaft so behandeln lassen haben. Es gab einen Foxtrott dazu, den Steinach Rummel, geschrieben 1920. Und im Januar 1923 lief im Berliner UFA-Filmpalast ein Dokumentarfilm über Steinachs Forschungen an.
Jetzt kommt der Teil, an dem ich lachen und schlucken musste gleichzeitig: Sigmund Freud hat sich das im November 1923 machen lassen. Der Mann, der die halbe Menschheit davon überzeugt hat, dass unsere Probleme in der Psyche sitzen. Er war an Krebs erkrankt und erhoffte sich neue Kraft. Im August 1924 klagte er, es habe nichts bewirkt.. Der irische Literaturnobelpreisträger William Butler Yeats ließ sich 1934 nach derselben Methode behandeln, allerdings nicht von Steinach selbst, sondern in London.
Da waren wir also. Anfang der Zwanziger. Tausende Männer, darunter die klügsten Köpfe Europas, ließen sich am Hodensack operieren, um Männlichkeit aufzufüllen.
Und niemand von ihnen wusste, was Testosteron ist. Weil es das Wort noch nicht gab.
15.000 Liter Urin, gespendet von Berliner Polizisten
Erst danach kam die Wissenschaft hinterher.
1931 gelang dem Biochemiker Adolf Butenandt das erste Stück vom Puzzle. Er isolierte Androsteron, ein Abbauprodukt des eigentlichen Hormons. Und die Zahlen dazu sind so absurd, dass ich sie mir merken musste: Er brauchte dafür rund 15.000 Liter Männerurin, gesammelt von Berliner Polizisten. Am Ende hatte er ungefähr 15 Milligramm.
Fünfzehntausend Liter, für eine Menge, die auf einem Fingernagel Platz hat.
Das eigentliche Testosteron kam dann 1935, isoliert aus Stierhoden, von einer Gruppe um Ernst Laqueur in Amsterdam. Butenandt und Leopold Ružička arbeiteten unabhängig voneinander an der Synthese. 1939 gab es dafür den Nobelpreis für Chemie, geteilt zwischen den beiden. Butenandt durfte ihn nicht annehmen, weil Hitler Deutschen die Annahme von Nobelpreisen generell verboten hatte, nachdem der Friedensnobelpreis an den Regimekritiker Carl von Ossietzky gegangen war. Medaille und Urkunde bekam Butenandt erst 1949.
Und jetzt leg die beiden Zeitleisten mal übereinander.
Der Glaube: ab 1889. Die Massenoperationen: ab 1920. Freud: 1923. Das Molekül: 1935.
Die Wissenschaft kam nicht, um uns zu erklären, was Männlichkeit ist. Sie kam in einen Raum, in dem die Antwort schon an der Wand hing. Sie hat der Idee bloß eine Zahl gegeben.
Was das über Testosteron und Männlichkeit heute erklärt
Genau deshalb, glaub ich, hängt diese Zahl bis heute so gut an dieser Frage.
Eine Zahl fühlt sich an wie ein Ende der Diskussion. Sie ist objektiv, sie steht im Laborbericht, sie lügt nicht. Aber die Frage, die wir ihr stellen, ist überhaupt nicht objektiv. Wir fragen sie nämlich nicht: wie ist dein Hormonstatus. Wir fragen sie: bin ich genug.
Und diese Frage ist älter als das Labor.
Man kann sich auch anschauen, wann diese Verjüngungswelle ihren Höhepunkt hatte. Anfang der Zwanziger. Direkt nach einem Krieg, aus dem Millionen Männer versehrt, zitternd oder gar nicht zurückkamen. In einem Jahrzehnt, in dem Frauen anfingen zu wählen, zu arbeiten, sichtbar zu werden. Ich will da keine schlichte Ursache draus basteln, das wäre zu billig, und ich kann es aus den Quellen so nicht beweisen. Aber der zeitliche Zusammenfall ist schwer zu übersehen: Der Markt für nachfüllbare Männlichkeit war genau dann am größten, als Männlichkeit sich unsicher fühlte.
Wenn das stimmt, dann sagt ein Testosteron-Boom nie besonders viel über Testosteron aus. Er sagt etwas über die Lage.
Und dann schau dir an, was heute läuft. Ein Verteidigungsminister spricht von einer heiligen Pflicht und von der biologischen Grundlage, die man braucht, um den Kampf durchzuhalten. Parallel dazu erzählen Influencer jungen Männern, sie sollten ihre Werte checken lassen. Eine dänische Studie kam Anfang des Jahres zu dem Schluss, dass diese Routinechecks meistens überflüssig sind, und die Hauptautorin sagte dem Guardian sinngemäß, dass normale Schwankungen bei Energie, Stimmung oder Libido dabei zu Krankheitszeichen umgedeutet werden.
Das ist exakt Brown-Séquards Geschäftsmodell. Nur mit Laborbericht.
Und da liegt für mich der eigentliche Unterschied zu 1889, und der macht die Sache nicht harmloser, sondern gefährlicher. Brown-Séquard konnte nur behaupten, dass er sich besser fühlt. Voronoff konnte nur behaupten, dass seine Patienten wieder Kraft haben. Beide hatten nichts in der Hand außer einem Versprechen. Heute haben wir eine echte Zahl, mit Referenzbereich, gedruckt auf Papier mit Briefkopf.
Nur beantwortet diese Zahl immer noch nicht die Frage, um die es eigentlich geht. Sie sagt dir, wie viel Hormon in deinem Blut schwimmt. Sie sagt dir nicht, ob du ein guter Soldat bist, ob du durchhältst, ob du taugst. Das legen wir rein. Der Unterschied ist bloß: Bei Voronoff konnte jeder sehen, dass das Versprechen wackelt. Bei einem Laborwert sieht man das nicht mehr. Die Idee versteckt sich hinter der Messung.
Mehrere Leute in der Kommentarspalte haben genau das aufgemacht, und zwar sachlich. Sinngemäß: Wenn die Rezeptoren nicht richtig funktionieren, hilft der höchste Spiegel im Blut überhaupt nichts. Der Wert allein sagt eben noch nicht, was im Körper ankommt. Diese Kommentare hatten, du ahnst es, zweistellig wenige Likes.
Beide Seiten auf den Prüfstand
Jetzt wird es unbequem, weil ich das auch in die andere Richtung durchziehen muss.
Der Spott in der Kommentarspalte ist der historisch gebildetere Teil, das glaub ich wirklich. Er hat den Widerspruch in Sekunden gefunden. Trotzdem sitzt er in derselben Falle. Wer sagt „dann macht doch einen Testosterontest bei den Politikern“, der bestreitet die Zahl ja nicht. Der will sie nur woanders hinrichten. Das Messgerät bleibt heilig, es zeigt bloß in eine andere Richtung.
Und die Fachlichen in der Spalte, die drei Likes hatten, hatten auch nicht unrecht. Ein Testosteronmangel ist eine reale medizinische Sache. Eine Ersatztherapie bei einem echten Defizit ist kein ideologischer Akt, sondern Medizin. Wer das wegwitzelt, hat auch nichts verstanden. Es ist völlig möglich, dass beides gleichzeitig wahr ist: dass die Maßnahme Symbolpolitik ist und dass der zugrundeliegende Marker trotzdem Sinn hat.
Ich merk bei mir selbst, dass ich das schwer aushalte. Ich hätte gern, dass eine Seite recht hat. Aber je länger ich in diese Geschichte reinschaue, desto weniger geht das.
Ich kann meine eigene Lesart auch gegen mich wenden, und das gehört hier hin.
Die andere Lesart: Vielleicht war die Spalte gar kein Ausweichen. Vielleicht ist Ironie einfach die kürzeste Form von Argument, und die Leute haben in vier Worten geschafft, wofür ich hier zweitausend brauche. Möglich.
Der blinde Fleck: Ich seh nur, was stehen geblieben ist. Nicht das Gelöschte, nicht das, was der Algorithmus mir nach oben gespült hat, und schon gar nicht die vielen, die gelesen und geschwiegen haben. Neunzig Kommentare sind kein Land. Außerdem war in dieser ganzen Spalte kein einziger Soldat und keine einzige Soldatin. Wir haben von außen über Körper geredet, in denen keiner von uns steckt.
Mein eigener Anteil: Ich hab hier eine hübsche Zeitleiste gebaut, 1889 bis 1935, Glaube vor Molekül, klick, passt. Aber so sauber ist Geschichte selten. Die Quellenlage zu Butenandts Urinmengen ist selbst uneindeutig, manche Darstellungen sprechen von 15.000 Litern, andere von 25.000. Und dass der Verjüngungshype mit der Nachkriegskrise der Männlichkeit zusammenhängt, ist eine Deutung von mir, keine bewiesene Ursache. Ich hab die Geschichte gefunden, die ich gesucht hab.
Die Rückgabe
Was ich mitnehme, ist nicht: Testosteron ist egal. Sondern: Wir haben die Antwort erfunden, bevor wir das Messgerät hatten. Und seitdem messen wir eine Frage, die gar keine Zahl kennt.
Was mich jetzt aber wirklich interessiert, ist etwas anderes.
Der Kommentar, der mir am längsten nachgegangen ist, war nicht der klügste. Es war der, bei dem jemand ein Argument benutzt hat, an das er selbst gar nicht glaubt, nur weil es die andere Seite trifft. Ich glaub, das mach ich auch. Öfter als mir lieb ist.
Wo ist dir das schon mal begegnet? Bei anderen, oder bei dir selbst? Ein Argument, das dir plötzlich gepasst hat, obwohl du es sonst nie unterschreiben würdest.
KardiKassin
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