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7. Oktober 2026Wer schreibt Afrikas Geschichte?
Wenn wir Afrika sagen, klingt das erst einmal nach einem klaren Gegenstand. Ein Kontinent, eine Vergangenheit, ein Geschichtsbuch. Aber schon bei der Frage, wer diese Geschichte erzählen darf, wird es wesentlich komplizierter.
Lange bestimmten europäische Historiker, welche Quellen als verlässlich galten und welche Fragen überhaupt gestellt wurden. Afrikanische Gesellschaften tauchten darin oft als Objekt europäischer Geschichte auf, nicht als Menschen, die selbst handelten, entschieden und ihre Welt veränderten. Das war also keine neutrale Lücke im Wissen. Es hing auch damit zusammen, wer Archive verwaltete, an Universitäten lehrte und die Maßstäbe für historische Forschung setzte.
Drei Aufsätze beschäftigen sich mit unterschiedlichen Seiten dieses Problems. Salim Abdelmadjid fragt, was wir meinen, wenn wir „Afrika“ sagen. Bethwell A. Ogot untersucht, wie europäische Deutungsmacht afrikanische Geschichte geprägt hat und wie afrikanische Historiker darauf antworteten. Jeremiah O. Arowosegbe schaut auf die Institutionen, in denen diese Geschichte erforscht und gelehrt wird.
Andere Namen in ein altes Kapitel zu setzen reicht natürlich nicht. Entscheidend ist auch, wer die Quellen auswählt, welche Begriffe darin stecken und wer die Forschung möglich macht.
Wer entscheidet, was als Geschichte gilt?
Im 19. Jahrhundert stellte Georg Wilhelm Friedrich Hegel Afrika außerhalb der Weltgeschichte. Der Maßstab war eine europäische Vorstellung davon, wie sich Geschichte entwickeln müsse. Was nicht in diese Erzählung passte oder dem damaligen europäischen Publikum nicht bekannt war, erschien schnell als Stillstand.
Ogot beschreibt, wie solche Vorstellungen in der Geschichtsschreibung und Anthropologie weiterwirkten. Afrikanisches Denken wurde zum Gegenbild europäischer Vernunft erklärt. Wenn europäische Autoren afrikanische Gesellschaften als unveränderlich darstellten, sagten diese Bilder mindestens ebenso viel über ihre eigenen Kategorien aus wie über die Menschen, die sie beschrieben. Das Problem lag also nicht nur darin, dass afrikanische Stimmen fehlten. Auch die Regeln dafür, was als historische Quelle gelten durfte, waren eng. Schriftliche Akten bekamen häufig mehr Gewicht als mündliche Überlieferungen. Dabei sind auch staatliche Dokumente aus einer bestimmten Perspektive entstanden. Und mündliche Überlieferungen sind nicht automatisch zeitlose Wahrheiten. Beide müssen nach ihrem Entstehungszusammenhang und ihren Grenzen befragt werden.
Seit der späten Kolonialzeit und besonders nach den Unabhängigkeiten bezogen afrikanische Historiker andere Quellen und Methoden systematisch ein. Oral History, Archäologie, Linguistik und arabische Texte eröffneten neue Zugänge. In Nigeria entstanden unter anderem historische Gesellschaften, Zeitschriften und Forschungsstellen für arabische Handschriften. Damit wurden weitere Themen erforschbar und mehr afrikanische Historiker an der Produktion historischen Wissens beteiligt.
Viele Vorstellungen über Afrika wirken so selbstverständlich, dass wir gar nicht mehr fragen, wann und wie sie eigentlich entstanden sind. Ein genauerer Blick auf historische Quellen zeigt jedoch, dass unser Wissen immer auch davon abhängt, wer dokumentiert, wer auswählt und wer Geschichte erzählt. Wenn du lernen möchtest, solche Darstellungen genauer zu hinterfragen, kannst du dir hier mein kostenloses Freebie herunterladen. 👉
Was meinen wir mit „Afrika“?
Abdelmadjid stellt eine Frage, die leicht abstrakt klingt, aber direkt in die Geschichtsschreibung führt.
Was genau meinen wir, wenn wir von Afrika sprechen? Den geografischen Kontinent? Die Menschen, die dort leben? Eine gemeinsame politische Identität?
Diese Bedeutungen sind nicht dasselbe.
Seine These lautet, dass Afrika als zusammenhängender historischer und politischer Bezugsrahmen eine eigene Geschichte hat. Er setzt die Entstehung dieser Vorstellung in die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts, in eine Zeit, die durch den Beginn des atlantischen Sklavenhandels und die europäische Umrundung des Kontinents geprägt war. Damit sagt er nicht, dass es vorher keine afrikanischen Gesellschaften oder Geschichte gab. Er warnt davor, frühere Reiche rückwirkend so zu behandeln, als hätten sie bereits zu einer einheitlichen politischen Gemeinschaft gehört.
Ogot setzt einen anderen Akzent. Er widerspricht der Vorstellung, eine gemeinsame afrikanische Identität sei bloß von Europäern erfunden worden. Für ihn kann Panafrikanismus eine politische Antwort auf koloniale Unterdrückung sein, ohne dass alle Menschen Afrikas dieselbe Sprache, Religion oder Kultur teilen müssen.
Die beiden Positionen sollte man nicht glichsetzen. Abdelmadjid untersucht, wie die Kategorie Afrika historisch entstand. Ogot verteidigt die Möglichkeit einer gemeinsamen politischen Identität. Das sind verwandte, aber nicht identische Fragen. Gerade diese Unterscheidung hilft, weder eine zeitlose Einheit zu behaupten noch afrikanische Verbindungen und politische Solidarität kleinzureden.
Geschichte braucht mehr als gute Absichten
Arowosegbe lenkt den Blick auf die Orte, an denen Geschichte entsteht, z.b. Universitäten, Archive, Schulen und Fachzeitschriften. Selbst wenn Historiker neue Fragen stellen, können staatliche Entscheidungen ihre Arbeit begrenzen. Dazu gehören verschlossene Archive, fehlende Finanzierung und Lehrpläne, in denen Geschichte an den Rand gedrängt oder zeitweise nicht unterrichtet wird.
Seine Beispiele kommen vor allem aus Nigeria, Namibia und Südafrika. Für Nigeria beschreibt er, wie Geschichte über Jahre aus Teilen des Lehrplans verschwand und das Fach an Universitäten an Unterstützung verlor. In Namibia erschweren staatliche Archivregeln die Forschung. Für Südafrika beschreibt er die Folgen des Apartheid-Erbes und die geringe Präsenz schwarzer Historiker in Teilen des Fachs. Das sind konkrete Fälle, aber natürlich keine automatische Beschreibung jedes afrikanischen Landes.
Arowosegbe schiebt die Verantwortung außerdem nicht allein auf ehemalige Kolonialmächte oder heutige Regierungen. Er kritisiert auch akademische Strukturen. Sowohl schwache Betreuung, Patronage, zu wenig Forschung als auch eine Kultur, in der Verwaltung und persönliche Karriere mitunter wichtiger werden als wissenschaftliche Arbeit. Diese Kritik ist deutlich und an manchen Stellen polemisch. Aber sie öffnet eine Frage, die in einer einfachen Erzählung von Europa gegen Afrika keinen Platz hätte.
Was muss sich auch innerhalb afrikanischer Universitäten ändern, damit eigenständige Forschung wachsen kann?
Kritisch hinterfragt
Die drei Aufsätze sind natürlich von Menschen gemachte Überblickswerke. Sie argumentieren aus unterschiedlichen Positionen und setzen verschiedene Schwerpunkte. Abdelmadjid schreibt philosophisch über den Begriff Afrika. Ogot verteidigt Panafrikanismus und afrikanische intellektuelle Selbstbestimmung. Arowosegbe untersucht die Entwicklung von Universitäten und Geschichtsforschung, vor allem in Nigeria und Südafrika.
Ihre Aussagen lassen sich deshalb nicht einfach zu einer einzigen Theorie zusammenfügen. Auch die Beispiele aus einzelnen Ländern belegen nicht, dass es überall dieselben institutionellen Probleme gibt. Für die Geschichte eines konkreten Reichs oder einer bestimmten Region braucht es zusätzlich historische Fachquellen. Die drei Texte helfen vor allem dabei, bessere Fragen an diese Quellen zu stellen.
Für mich liegt genau darin ihr gemeinsamer Nutzen. Wenn wir afrikanische Geschichte lesen, können wir nicht nur fragen, was geschehen ist. Wir können auch fragen, wer die Überlieferung bewahrt hat, wessen Begriffe wir übernehmen und welche Stimmen im Archiv oder im Lehrplan fehlen.
Wer sollte deiner Meinung nach darüber entscheiden, welche Vergangenheit im Geschichtsunterricht vorkommt?
KardiKassin
Quellen
- Salim Abdelmadjid, „The Concept of Africa and History of Africa“, in: Augustin F. C. Holl (Hg.), General History of Africa IX: General History of Africa Revisited, UNESCO, 2025, S. 65–84. JSTOR
- Bethwell A. Ogot, „Rereading the History and Historiography of Epistemic Domination and Resistance in Africa“, African Studies Review 52, Nr. 1 (2009), S. 1–22. JSTOR
- Jeremiah O. Arowosegbe, „History and the Development of Historical Scholarship in Africa“, History in Africa 51 (2024), S. 211–235. DOI
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