
Sinn der Strafe: Warum wir bis heute streiten
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15. August 2026Der Blackout, der nie kam
Heute habe ich mir die Spitzenkandidaten zur Sachsen-Anhalt-Wahl angesehen. Irgendwann kam die Nachfrage zu den Gasspeichern, und dann fiel es, das Wort Blackout. Und während auf dem Bildschirm noch über Füllstände geredet wurde, war ich in Gedanken schon ganz woanders.
Ich musste an eine Person aus meinem Umfeld denken. Ich erzähle das hier bewusst unscharf, ohne Details, die sie erkennbar machen würden, weil es mir nicht um sie geht. Es geht mir um das, was mit ihr passiert ist. Denn das könnte, und das ist der unbequeme Teil, ziemlich vielen von uns passieren.
Sie ist irgendwann in Telegram-Gruppen gerutscht. Erst aus Neugier, dann aus Sorge. In diesen Gruppen war der Blackout keine Möglichkeit mehr, er war eine Gewissheit. Nur das Datum war noch offen. Und wenn etwas gewiss ist, dann handelt man. Sie hat angefangen, Essen zu bunkern. Sie hat ihre Selbstständigkeit schleifen lassen, denn wozu noch arbeiten, wenn das System ohnehin fällt. Und in den Gruppen wurde eine Logik weitergereicht, die von außen absurd klingt und von innen völlig folgerichtig ist: Steck dein Geld nicht mehr in Miete oder andere „nutzlose“ Sachen, das System kassiert nur ab, sichere lieber Vorräte.
Wie das endete, hat nicht sie erzählt, sondern der Tag selbst. Die Tochter stand eines Morgens vor Zwangsvollstreckung und Räumung, ohne zu wissen, was überhaupt los war. Und sie rief uns an. Erst in diesem Moment kam heraus, wie tief die eigene Mutter längst in diesem Weltuntergangsszenario steckte.
Der Blackout, der monatelang hervorbschworen wurde.. ist nie gekommen. Er musste auch gar nicht kommen. Die Angst vor ihm hat gereicht, um ein Leben zu zerlegen.
Das ist für mich das eigentliche Muster hinter der ganzen Debatte. Wir streiten öffentlich darüber, wie wahrscheinlich ein Ereignis ist. Aber ein Angstbild braucht keine Eintrittswahrscheinlichkeit, um zu wirken. Es wirkt, sobald genug Menschen ihr Verhalten danach ausrichten. Die Katastrophe, die nicht stattfindet, kann trotzdem Existenzen kosten.
Als jemand, der sich viel mit Alltags- & Religionsgeschichte beschäftigt, kommt mir das erschreckend bekannt vor. Menschen, die auf ein angekündigtes Ende hin ihr Hab und Gut verkaufen, ihre Felder nicht mehr bestellen, ihre Zukunft aufgeben, das ist keine Erfindung des Internetzeitalters. Im 19. Jahrhundert warteten in den USA Zehntausende auf ein berechnetes Weltende, viele gaben vorher alles auf, was sie hatten. Das Ende kam nicht. Die Geschichtsschreibung nennt diesen Tag bis heute die große Enttäuschung. Interessant ist aber: Die Gemeinschaft zerbrach nicht einfach an der ausgebliebenen Katastrophe. Ein Teil deutete das Datum um und machte weiter. Der Glaube war stärker als das Dementi der Wirklichkeit… lol
Telegram hat dieses Muster natürlich nicht erfunden. Telegram hat es nur beschleunigt. Früher brauchte eine Endzeiterwartung einen Prediger, eine Gemeinde, Jahre. Heute reicht ein Kanal, ein Algorithmus, ein paar Monate. Aber die Mechanik darunter ist verblüffend alt: eine Gewissheit statt einer Frage, eine Gemeinschaft, die sich gegenseitig bestätigt, und eine Außenwelt, die zum Beweis der eigenen Erzählung wird. Wer widerspricht, gehört zu denen, die es nicht sehen wollen.
Und weißt du, was ich dabei am wenigsten vergessen kann: Diese Person ist nicht dumm. Sie ist nicht naiv. Sie war besorgt, und ihre Sorge hat einen Ort gefunden, an dem sie ernst genommen wurde. Das ist vielleicht der Punkt, an dem wir es uns zu einfach machen. Wir reden über „die da in den Telegram-Gruppen“, als wäre das eine andere Sorte Mensch. Dabei ist der Einstieg fast immer derselbe: ein echtes Unbehagen, das im normalen Gespräch keinen Platz findet.
Ich will hier nicht so tun, als wäre jede Sorge um Versorgungssicherheit schon der erste Schritt in den Bunker. Vorräte anzulegen ist erstmal vernünftig.
Die Grenze verläuft nicht beim Vorrat, ich denke, sie verläuft da, wo die Zukunft abgeschrieben wird. Und noch etwas muss ich mir selbst vorhalten: Auch wer über Ängste redet, verdient Aufmerksamkeit mit Ängsten. Jede Wahldebatte, jeder Beitrag, auch dieser hier, lebt ein Stück weit davon, dass das Wort Blackout etwas in uns auslöst. Die Frage ist nur, wohin man diese Aufmerksamkeit lenkt. In Panik, oder ins Nachdenken.
Mich beschäftigt seitdem weniger die Frage, ob die Gasspeicher voll genug sind. Mich beschäftigt, warum eine Katastrophe, die nicht eingtreten ist (und hoffentlich nie eintritt), trotzdem so viel Macht über uns haben kann.
Vielleicht kennst du auch jemanden, bei dem eine Angst irgendwann größer wurde als das, wovor sie warnen sollte. Ich glaube, darüber reden wir viel zu selten.
KardiKassin
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Ich bin Studentin und Fragenstellerin aus Leidenschaft. Was mich wirklich umtreibt, ist die Frage:
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