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Politischer Zauberlehrling: Wer Kräfte ruft, kontrolliert sie nicht
Es gibt Sätze, die liest man und vergisst sie im selben Moment wieder. Sie rauschen vorbei und hinterlassen nichts.
An diesem einen bin ich hängen geblieben.
Er stammt vom Soziologen Peter Berger, und je länger ich ihn auf unsere politische Gegenwart gelegt habe, desto unangenehmer klar wurde mir eines: Hier wird ein Muster beschrieben, das man den politischen Zauberlehrling nennen könnte. Kein neues Phänomen. Aber eines, das gerade auffällig oft sichtbar wird.
Berger schreibt in einem seiner Bücher Zur Dialektik von Religion und Gesellschaft im Kapitel „Religion und Welterrichtung“:
„Zwar hat er die Möglichkeit – wie in der Geschichte –, sich einen neuen Zauber einfallen zu lassen, der die wilden, in die Wirklichkeit entlassenen Kräfte wieder unter seine Zucht bringt. Diese neue Macht ist jedoch nicht dieselbe wie die erste. Und so kann es denn auch vorkommen, daß der Mensch in den Fluten ertrinkt, die er selbst entfesselt hat.“
Das Bild dahinter kennt jeder. Der Lehrling, der den Besen verzaubert, das Wasser tragen lässt und dann das rettende Wort vergisst. Am Ende steht er bis zum Hals in der Flut, die er selbst herbeibefohlen hat.
Ich vermute, dass Berger damit ursprünglich gar keine Politik meinte, sondern die Gesellschaft im Ganzen: dieses Wesen, das seine eigenen Kräfte hervorbringt und sich dann von ihnen beherrschen lässt. Doch genau deshalb passt der Satz so präzise auf das Politische. Denn nirgends wird so viel gerufen wie dort. Und nirgends entgleitet das Gerufene so zuverlässig.
Der eine Satz von Peter Berger, an dem ich hängen geblieben bin
Was mich gepackt hat, ist die Nüchternheit.
Berger droht nicht. Er warnt nicht mit erhobenem Zeigefinger. Er beschreibt einfach einen Ablauf, kühl, fast technisch. Etwas wird gerufen. Es verselbständigt sich. Und der zweite Versuch, es wieder einzufangen, ist schwächer als der erste Ruf.
Drei Schritte. Mehr nicht.
Aber in diesen drei Schritten steckt eine ganze Theorie darüber, wie politische Dynamik funktioniert und warum sie so oft denen entgleitet, die sie ausgelöst haben. Wer im öffentlichen Raum etwas in Bewegung setzt, tut zunächst genau das, was der Lehrling tut: Er spricht ein Wort, und das Wort wirkt. Es bewegt Menschen, es erzeugt Resonanz, es fühlt sich nach Kontrolle an.
Genau in diesem Gefühl liegt der Irrtum. Denn ab dem Moment, in dem das Wort heraus ist, gehorcht die Wirkung nicht mehr nur dem, der es gesprochen hat.
Der erste Zauber: Wie eine Stimmung gerufen und in die Wirklichkeit entlassen wird
Der erste Zauber ist die Mobilisierung.
Ein Akteur ruft eine Stimmung herbei. Eine Angst. Eine Hoffnung. Eine Kränkung, eine Sehnsucht, eine Empörung, ein Wir-gegen-die. Im Moment des Rufens ist das alles noch Werkzeug, Mittel zum Zweck, ein Hebel, um Aufmerksamkeit oder Zustimmung oder Macht zu gewinnen. So weit, so kalkuliert.
Doch sobald das Wort gesprochen ist, ist es, mit Berger gesagt, „in die Wirklichkeit entlassen“. Und Wirklichkeit ist etwas anderes als Absicht.
Das Gerufene hat jetzt eigene Träger: Menschen, die es nicht als Taktik verstehen, sondern als Sache, als Wahrheit, als Auftrag. Es bekommt eine eigene Tonlage, eine eigene Temperatur, eine eigene Geschwindigkeit. Es findet Verbündete, die der Beschwörer nie gewollt hat, und es verbindet sich mit Wut, die längst vor ihm da war. Was als feiner Hebel gedacht war, wird zum groben Werkzeug in vielen fremden Händen.
Und deshalb lässt es sich nicht einfach wieder zurücknehmen, als wäre nichts gewesen. Es lebt jetzt außerhalb dessen, der es gerufen hat.
Es ist aus der Werkstatt heraus.
Warum der zweite Zauber, das Zurückrufen, schwächer bleibt als der erste
Genau hier wird Bergers Satz scharf.
Wer merkt, dass die gerufene Kraft zu weit trägt, versucht oft einen zweiten Zauber. Das Relativieren. Das Abmildern. Das vielsagende „so war das nicht gemeint“. Den Rückruf, der wieder einfangen soll, was man losgelassen hat.
Doch der Satz sagt es unmissverständlich: „Diese neue Macht ist jedoch nicht dieselbe wie die erste.“
Das Dementi ist immer schwächer als der Ruf, und das hat einen einfachen Grund. Der erste Akt traf die Menschen direkt, emotional, einprägsam, mitten in den Bauch. Die Korrektur dagegen kommt hinterher. Sie ist blass, kompliziert, voller Einschränkungen und leicht zu überhören. Niemand teilt eine Relativierung mit derselben Begeisterung, mit der er die ursprüngliche Provokation geteilt hat.
Die Wirkung ist da längst in der Welt. Beim Publikum. In den Erwartungen. In den Anschlusshandlungen all derer, die den ersten Ruf ernster genommen haben, als er gemeint war.
Man kann ein Feuer mit einem einzigen Wort entzünden. Mit Worten löscht man es selten wieder.
Wenn der politische Zauberlehrling in den Fluten ertrinkt, die er selbst entfesselt hat
Und dann der Schlusssatz, die eigentliche Pointe: Der Beschwörer kann „in den Fluten ertrinken, die er selbst entfesselt hat“.
Politisch heißt das etwas sehr Konkretes.
Wer eine Bewegung, eine Erregung, eine radikale Erwartung gerufen hat, wird irgendwann ihr Gefangener. Er kann nicht mehr mäßigen, ohne sofort als Verräter zu gelten. Jeder Schritt zurück Richtung Mitte wird zum Beweis, dass er es nie ernst gemeint habe. Also bleibt er, wo die Erregung ihn haben will.
Er wird von der eigenen Basis überholt. Vom radikaleren Flügel, von der nächsten Empörungsstufe, von einer Konsequenz, die er selbst erst denkbar gemacht hat. Was er als Eskalation einsetzte, um nach vorn zu kommen, wird zum Maßstab, an dem man ihn nun misst und an dem er fast zwangsläufig zu zahm erscheint.
Der politische Zauberlehrling beherrscht die Kräfte nicht mehr. Er verwaltet nur noch, was sie verlangen.
Aus dem Beschwörer ist ein Getriebener geworden.
Ich denke, das ist keine Frage von links oder rechts. Es ist eine Frage von Mechanik.
Warum der politische Zauberlehrling kein Phänomen einer einzigen Seite ist
Genau das ist mir wichtig. Sonst wäre der Gedanke nur ein billiger Vorwurf an die jeweils anderen und damit selbst schon wieder ein kleiner Zauber, der Empörung ruft.
Der politische Zauberlehrling ist kein Etikett für ein bestimmtes Lager. Er ist ein Strukturmerkmal von Mobilisierung überhaupt.
Man findet ihn bei Revolutionären, die am Ende von ihrer eigenen Revolution gefressen werden. Bei Reformern, die im besten Glauben Markt- oder Institutionendynamiken entfesseln, die sich danach niemand mehr zurückzuholen traut. Bei moralischen Bewegungen, die mit gutem Recht beginnen und in einem Klima enden, in dem keiner mehr eine Zwischenfrage zu stellen wagt. Bei Anführern jeder Couleur, die irgendwann nur noch nachsprechen, was die eigene Anhängerschaft hören will.
Das Muster fragt nicht nach dem Inhalt. Es greift bei edlen Anliegen genauso wie bei zynischen.
Wer „rein“ etwas beschwört, kann sich eben nicht aussuchen, was zurückkommt. Das ist das Unheimliche daran. Die Kraft, die man ruft, bringt ihre eigene Richtung mit.
Deshalb taugt das Bild nicht zum Draufzeigen. Es taugt zum Hinsehen, auch und gerade bei den Kräften, die einem selbst sympathisch sind.
Auch wir reichen das Wasser: Warum das Publikum längst mitbeschwört
Und hier kommt der Teil, der unbequem wird.
Wenn ich es seiner Schrift richtig entnommen habe, dann dachte Berger den Zauberlehrling nie als einzelne Person, sondern als Kollektiv. Als die Gesellschaft, die ihre eigenen Kräfte erzeugt und sich ihnen dann unterwirft. Wenn das stimmt, dann verschiebt sich die ganze Frage.
Denn die Fluten entfesselt nicht nur, wer auf der Bühne steht.
Auch das Publikum beschwört mit. Wer eine Stimmung belohnt, wer sie teilt, wer sie applaudierend einfordert, der reicht das Wasser. Jeder Klick, jede Zustimmung, jede empörte Weiterleitung ist ein weiterer Eimer in der Kette. Wir hätten gern, dass die Verantwortung allein bei dem liegt, der das Zauberwort gesprochen hat. Das ist bequem. Und es ist ein bisschen feige.
Denn kein Beschwörer wirkt ohne Resonanz. Der Lehrling braucht jemanden, der staunend zusieht und mitträgt, und im politischen Raum sind wir dieses Publikum. Wir wählen mit aus, was groß wird. Wir entscheiden mit, welcher Ruf verhallt und welcher zur Flut anschwillt.
Ich denke, wir sind nur selten Zuschauer der Flut. Meistens sind wir Teil des Wasserkreislaufs.
Was am Ende bleibt: eine Frage statt einer Anklage
Was mich an diesem Satz festhält, ist gerade, dass er niemanden verurteilt.
Er lässt offen, ob der Beschwörer ein Schurke ist oder selbst ein Überforderter. Beides kommt vor. Und meistens weiß man es im Moment des Geschehens gar nicht, manchmal weiß es nicht einmal der Beschwörer selbst. Genau diese Offenheit macht das Bild brauchbar. Nicht als Waffe gegen die anderen, sondern als Prüfstein für das eigene Denken.
Also bleibt am Ende keine Anklage.
Es bleibt eine Sache..
Wenn man das nächste Mal eine politische Erregung sieht, die niemand mehr stoppen kann, lohnen sich zwei Fragen. Wer hat hier eigentlich den ersten Zauber gesprochen? Und, die unbequemere: Welchen Eimer Wasser habe ich selbst getragen?
KardiKassin
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