Was ist Religion?

Was ist Religion? Annäherungen an einen unmöglichen Begriff

Die Frage nach dem Wesen der Religion gehört zu den ältesten und zugleich umstrittensten Problemen der Kulturwissenschaften. Bereits 1912 identifizierte der Psychologe James H. Leuba über fünfzig verschiedene Definitionsansätze – und seither ist die Lage nicht übersichtlicher geworden.

Was auf den ersten Blick wie ein rein akademisches Glasperlenspiel wirkt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als grundlegende methodologische Herausforderung: Wie kann eine Disziplin ihren Gegenstand bestimmen, wenn bereits die Konturen dessen, was sie untersucht, permanent verschwimmen?

Definitionspluralität als Ausgangslage

Die Religionswissenschaft kämpft seit ihrer Entstehung mit einem Paradox: Sie soll etwas erforschen, dessen Grenzen sie nicht abschließend bestimmen kann. Jeder Versuch einer Nominaldefinition produziert neue Ausschlüsse, jede Wesensbestimmung erweist sich als kulturell und historisch kontingent.

Die Folge ist eine unüberschaubare Definitionspluralität – ein Begriff, der das Problem benennt, ohne es zu lösen. Doch hinter dieser scheinbaren Beliebigkeit zeichnen sich zwei grundlegende Denktraditionen ab, die das Feld bis heute strukturieren.

Substantialistische Definitionen: Die Suche nach dem Wesen

Die erste Richtung fragt nach der Substanz, nach dem, was Religion im Kern ausmacht. Was ist ihr spezifischer Inhalt? Klassischerweise lautete die Antwort: der Bezug zu einer transzendenten Instanz – zu Gott, den Göttern, dem Heiligen, dem ganz Anderen. Religion wäre demnach per definitionem die Begegnung mit etwas, das jenseits der empirisch fassbaren Welt liegt.

Diese substantialistischen Ansätze gerieten ab den 1970er Jahren massiv in die Kritik. Der Vorwurf: Sie seien zu nah an der christlichen Theologie entwickelt, definierten gewissermaßen von innen heraus und ermangelten der notwendigen wissenschaftlichen Distanz zum Gegenstand. Die fehlende Trennlinie zwischen Glaubensperspektive und analytischem Blick – für eine seriöse Wissenschaft ein unhaltbarer Zustand.

Funktionale Definitionen: Was Religion leistet

Die Alternative formulieren funktionale Definitionen. Sie fragen nicht nach dem Wesen, sondern nach der Leistung: Was tut Religion? Welche Aufgaben erfüllt sie für Individuum und Gesellschaft?

Die Antworten sind vielfältig: Religion hilft bei der Kontingenzbewältigung, spendet Trost in Krisen, stiftet Sinn in einer sinnlos erscheinenden Welt. Sie generiert soziale Integration, legitimiert Herrschaftsverhältnisse oder stellt moralische Leitplanken für das Zusammenleben bereit. Trauerfeiern, Hochzeitsrituale, Feiertagsgesetzgebungen – überall wirkt diese Funktion im Hintergrund mit.

Doch auch funktionale Definitionen haben ihre Blindstellen. Der Kritikpunkt: Sie blenden den spezifischen Inhalt vollständig aus. Ob jemand an Gott, an Buddha oder an eine vergoldete Hummel glaubt – für die Frage nach der gesellschaftlichen Funktion erscheint das zunächst irrelevant. Genau darin sehen viele eine unzulässige Verkürzung, die das Spezifische des Religiösen verfehlt.

Synthetische Versuche und ihre Aporien

Die naheliegende Idee, substantialistische und funktionale Elemente zu kombinieren, hat das Problem nicht gelöst, sondern verschärft. Jede neue Synthese produzierte einen weiteren Definitionsvorschlag – die Zahl der Ansätze explodierte weiter. Was als Lösung gedacht war, erwies sich als Verstärker des ursprünglichen Dilemmas.

Negative Grenzziehungen: Was ist keine Religion?

Angesichts dieser Verwirrung wählten einige Forscher einen anderen Zugang. Statt positiv zu bestimmen, was Religion ist, fragten sie: Was ist keine Religion? Der Religionswissenschaftler Schilbrack schlug zwei klare Ausschlusskriterien vor:

Erstens: Religion benötigt gemeinschaftliche Praktiken – wiederholbare Rituale, Zeremonien, Feste, die von einer Gruppe gemeinsam begangen werden. Eine rein private, innerliche Spiritualität ohne äußere Handlungsdimension wäre demnach keine Religion.

Zweitens: Es braucht den Glauben an Nicht-Empirisches – an Phänomene, die sich dem sinnlichen Zugriff und historischer Verifikation entziehen.

Diese Negativbestimmung bietet eine gewisse heuristische Orientierung, ohne den Definitionsanspruch im Ganzen einzulösen.

Religion als diskursive Praxis

Einen radikal anderen Weg beschreitet Michael Bergunder. Er schlägt vor, zwischen zwei Ebenen zu unterscheiden: Religion 1 bezeichnet die akademische Reflexionsebene, den Raum der wissenschaftlichen Definitionsversuche. Religion 2 meint demgegenüber das alltägliche Verständnis von Religion in der Gesellschaft – wie der Begriff in Medien, politischen Debatten und Alltagskommunikation verwendet wird.

Bergunders pointierte These: Die wissenschaftliche Beschäftigung sollte sich weniger an einer perfekten, abstrakten Definition abarbeiten, sondern vielmehr beobachten, wie der Begriff im sozialen Miteinander verwendet, ausgehandelt und transformiert wird. Religion erscheint dann nicht als starres Ding, sondern als lebendiger Prozess – als diskursive Praxis, die lokale Ausprägungen und einen beständig wachsenden Pluralismus hervorbringt.

Die eurozentrische Falle

Diese Prozesshaftigkeit wird besonders deutlich, wenn wir den europäischen Horizont verlassen. Ein instruktives Beispiel liefert Indonesien: Dort gelten Katholizismus und Protestantismus nicht als Konfessionen einer Religion, sondern als zwei völlig eigenständige Religionen – gleichberechtigt neben Islam, Buddhismus und Hinduismus. Was im europäischen Kontext selbstverständlich erscheint, erweist sich als kontingente kulturelle Setzung.

Damit ist der entscheidende Punkt benannt: Der Religionsbegriff selbst ist zutiefst eurozentrisch geprägt. Was wir über Jahrhunderte in Europa als „Religion“ entwickelt haben, lässt sich nicht ohne weiteres auf andere Kulturen übertragen. Der Versuch, dieses Raster anderen überzustülpen, verletzt nicht nur deren kulturelle Eigenständigkeit, sondern verfehlt auch das Phänomen.

In anderen Sprachen fehlt oft ein Äquivalent zu unserem „Religion“. Das arabische „din“ bedeutet ursprünglich „Weg“, „Tradition“, „Lebensweise“ – und ist damit ungleich umfassender. Das altpersische „daena“ bezeichnete die Summe der guten Gedanken, Worte und Taten eines Menschen, die ihm nach dem Tod als wunderschönes Mädchen erscheinen würde.

Ausblick: Ein Streifzug durch die europäische Religionsgeschichte

Die Frage „Was ist Religion?“ führt nicht zu einer einfachen Antwort. Sie führt in ein dichtes, faszinierendes Geflecht aus Geschichte, Kultur, Politik und persönlichem Glauben. Wer verstehen will, warum sich der Begriff jeder abschließenden Definition entzieht, muss seine historische Gewordenheit nachvollziehen.

Genau dazu lade ich in meinem aktuellen Video ein: Wir unternehmen einen Streifzug durch die europäische Religionsgeschichte – vom antiken Rom über das Mittelalter, von Martin Luther bis zur Aufklärung. Es wird sich zeigen: Was wir heute unter Religion verstehen, ist das Ergebnis eines langen, widersprüchlichen Transformationsprozesses.

👉 Das Video „Was ist Religion? Eine Spurensuche“ findet ihr auf meinem Kanal. Ich freue mich auf eure Gedanken und Perspektiven!

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Mehr Informationen

Ich habe mich im Studium sehr intensiv mit der Thematik beschäftigt und bin unter anderem auf einen sehr guten Fachartikel gestoßen, welcher für mein Blog und Video als Grundlage (und Quelle) dient:

Atusa Stadler: Zur Definitionspluralität des Religionsbegriffes innerhalb der Religionswissenschaft. Ein komprimiertes Overview. In: Zeitschrift für junge Religionswissenschaft, Jg. 19 (2024). DOI: https://doi.org/10.71614/zjr.v19i1.1393

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